#42 Durch emotionale Höhen und Tiefen zurück auf Null

Ein guter Freund von mir hat mir Anfang Juli 19 gesagt:

„Wenn du herausfinden willst ob alle Therapien, welche du zur Bewältigung deiner traumatischen Erfahrungen durchlaufen hast gewirkt haben, ist es das Beste, zurück ins Elternhaus zu gehen!“

Marc F.

Die letzte Zeit fällt mir das Verbalisieren meiner inneren Erfahrungen eher schwer.

Seit knapp sechs Wochen leben Rita und ich bei meinem betagten Mutter. Leider ist es ihr nicht mehr möglich alleine zu leben. Des weiteren scheint es so, dass sie keine fremden Menschen in ihrer Nähe akzeptiert. Aus diesem Grund und vor allem auch aus ethisch moralischen Gründen haben wir beschossen vorerst in ihrer Nähe zu weilen.

Vor Jahren schon habe ich meinen Heimatort, ein Aglomerationsdorf bei Bern verlassen, um unter Anderem physische Distanz so kreieren. Dabei ging es vor allem auch darum mich davor zu schützen immer wieder alte, traumatisierende Kindheitserfahrungen in meinem Emotionalkörper zu aktivieren.

Zwischen 50- und 100tausend Schweizer Franken habe ich in die Heilung meiner inneren Zerrissenheit und Traumas investiert. Dabei ging es unter anderem um tiefsitzende emotionale Stauungen aus körperlichen Züchtigungen, psychische Bestrafungen während der Kindheit, Mobbing durch Schulkollegen und Lehrer bis ins Studium hinein und sexuellen Missbrauch in der Schule, wieder zum Fliessen zu bringen.
So soll es gemäss der allgemeinen Meinung der modernen Psychologie möglich sein, dass traumatischen Erfahrungen und deren emotionale Stauungen unser Leben weniger steuern oder beherrschen.

Nun bin ich also mittendrin und alte, teilweise noch nicht verarbeiteten Emotionen entstanden aus unverarbeiteten Verletzungen, drängen mit aller Macht an die Oberfläche meines Bewusstseins und suchen ihren Ausdruck.

Viele Jahre habe ich Zen Buddhismus und das Christentum studiert und mich mit deren Idealen identifiziert, gelebt und ausgedrückt, Mitgefühl, Verzeihen, Gebet und Meditation dienen in diesen Praktiken als Hilfsmittel um mit fordernden Situationen umgehen zu können.

Ich habe duzende Seminare besucht, um meine Scham, Schmerz, Zorn und meine Wut zu integrieren und um diesen Emotionen einen gesunden lebensbejahenden Ausdruck zu geben.
Viele Dutzend Bücher, wohl mehr als einhundert, habe ich studiert, deren Anregungen umgesetzt und angewendet, um meiner Depression und meiner latenten Lebensunlust zumindest ein lebenswürdiges Dasein zu geben.

Kaum bin ich wieder in der Wohnung meiner Eltern kommt alles wieder hoch! Es ist, als würde eine Riesenwelle über mich schwappen und versuchen mich in den Abgrund eines tiefen und schwarzen Ozeans zu ziehen. Meine unsägliche, tief in mir angestaute Wut über Ungerechtigkeit körperlichen und seelischen Missbrauch wird einmal mehr machtvoll an die Oberfläche meines Handelns geschwemmt.

Ich frage mich zutiefst ob es wirklich so ist dass man alles verzeihen muss um Frieden zu finden. Oder ist es einfach nur so dass Angst Schmerz Wut Depression und Scham einfach da sein dürfen. Muss ich aus falsch verstandener Liebe zu meinen Eltern zu Diensten sein?
Ist Dankbarkeit für Erlebtes zwingend? Gibt es Dinge, Erfahrungen im Leben mit welchen man einfach nur lernen kann damit umzugehen. Wie z.B. Eine Amputation von Gliedmassen, oder eben unsichtbare seelische Amputationen?

Heute stelle ich fest, wie stark diese Erlebnisse mein Leben vor allem meinen emotionalen und verbalen Ausdruck beeinflussen. Trotz allen Therapien und Seminarbesuchen sowie intensivste Selbstreflektion über weit mehr als 30 Jahren, fühle ich Frustration und eine art Resignation.

Immerhin habe ich mich nicht umgebracht. Obwohl, ich habe manchmal das Gefühl, dass es besser wäre, wenn ich es getan hätte.

Der Vorteil wäre, dass ich viele Menschen aufgrund meines Zustandes emotional nicht verletzt hätte, sich diese von mir nicht missbraucht fühlten, und so allenfalls ein etwas besseres Leben führen könnten. Ich bin mir auch zutiefst bewusst, dass es Menschen gibt die sich von mir inspiriert fühlen. Das ist gut so.

Nun gilt es also ein weiteres Mal hinein zu tauchen in meine emotionale Welt, meine gestauten Emotionen ein weiteres Mal zu fühlen und diese mit Liebe anzunehmen und ihnen einen Platz in meinem Herzen zu geben.

Unterdessen sind weitere Wochen vergangen. Meine Mutter hat ein Zimmer in einer Altersresidenz bekommen, wo sie in Ruhe leben kann. Rita und ich haben unterdessen ein sechsmonatiges Australienvisa erhalten und unsere Flüge nach Perth, Australien gebucht. Heute in zwei Wochen gehts los. Unsere geplante Route für die nächsten Jahre findest du hier.

Alles wieder bei Null. Bin gespannt wohin das führt. Die nächsten Monate werde ich auf dem Velo genügend Zeit haben um tiefer zu verstehen und diese Erfahrungen im Herzen zu integrieren.


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