#40 West Highland Way, Faszination Schottland

Träume werden wahr

Nstehen wir also vor dem Startschild des West Highland Way. Wie oft, oder eigentlich immer in solchen Augenblicken fühle ich nichts in mir wenn sich Wünsche zu erfüllen beginnen. Ich stehe hier einfach da und fühle nichts.

Bereits 1991 als ich mit dem Motorrad das erste Mal in Schottland unterwegs war, hat mich dieser Weg fasziniert und in mir den Wunsch entzündet diesen Weg einmal zu begehen.

Es ist eher nur so, als entstehe in mir eine achte Ruhe und Frieden, als würde ihn mir etwas be-friedet. Als würde etwas was seit langem in Unruhe ist endlich Ruhe finden. Diese Unruhe mittels kurzfristigen Aktivitäten zur Ruhe zu bringen ist unmöglich. Das einzige was ich tun kann ist den ganzen Weg zu gehen bis Frieden einkehrt.

Start

Rita und ich schlendern noch zum nahegelegenen Kaffee wo wir einen Kaffee und Tee schlürfen und uns bereit machen los zu laufen. Unsere Muskeln sind bereits warum haben wir doch die 11 km vom Zentrum Glasgow aus bis hierher noch Milngavie zu Fuß zurückgelegt.

Wir durchschreiten das Tor und schon nach ein paar Schritten befinden wir uns in der parkähnlichen Natur und auf einem sehr gut ausgebauten Weg in Richtung nord.

Ein „Walk in the Park“

Viele Vögel zwitschern ein Bächlein fließt quirlig in Richtung Süden und vielfältige Bäume säumen den Wegrand. Der Himmel ist blau, ein paar tieffliegende Wolken lassen erahnen dass wäre hier in Schottland sind und das Wetter jederzeit ändern kann.

Bald schon überholen wir andere Wanderer welche sich auch auf dem West Highland Way bewegen. Viele tragen nur ein Tagesgepäck. Das Hauptgepäck wird jeden Tag zum nächsten Hotel transportiert.

Ich persönlich halte nichts viel von solchen „Abkürzungen“, gerade auch deshalb weil das Erlebnis damit eine ganz anderes wird und man in meinen Augen das „Wesentliche“ das persönliche das tiefgreifende und die unmittelbare Erfahrung der Landschaft des Wetters und der damit verbundenen Umstände zum großen Teil verpasst.

Der erste Teil des West Highland Way führt Übung Park ähnliche Wege relativ eben in Richtung Norden und schlängelt sich gemütlich durch sanfte beinahe flache Hügellandschaft.

Schottische Gastfreundschaft

Kurz vor unserem Tagesziel fragen wir bei einem Haus nach Wasser. Ein Mann öffnet und schaut mich einigermaßen grimmig an. Ich bitte ihn darum unsere Wasserflaschen aufzufüllen.
Der Mann meint das geht nicht wir können 0,5 Liter wasserflaschen kaufen welche er bereitgestellt hat. Er müsse schließlich auch für Wasser zu bezahlen. ich erläutere ihm dass ich 5 Liter benötige und ich froh wäre wenn er mir Wasser vom Wasserhahn geben würde.
Er schüttelt den Kopf sagt nein und schließt die Tür. Das zweite Mal in meinem Leben dass ich bei Nachfragen kein Wasser bekomme. Das zweite Mal in meinem Leben geschieht dies in Schottland.
Jedenfalls bekommen wir in einer Garage etwas weiter ab vom Weg unsere Wasser und schon bald finden wir einen schön gelegenen Platz wo wir unser Zelt für die Nacht aufstellen. Vier weitere Wanderer aus Deutschland haben ihr Zelt neben uns aufgestellt.

Loch Lomond Nationalpark

Kurz vor 6 Uhr stehen wir auf und schon bald knirschen unsere Schuhsohlen auf dem weichen Kies. Ein etwas längerer Aufstieg über ein kleines Hügelgebirge mit folgendem Abstieg zum Loch Lomond führte uns in den gleichnamigen Nationalpark. Hier gilt ein strenges Camping Regime. Man benötigt Bewilligungen welche zuvor im Netz gekauft werden können um in diesem Nationalpark Zelten zu dürfen.
Leider bekamen wir keine Zeltbewilligungen, so dass wir gezwungen sind denn Park in einem Rutsch zu durchwandern. Die Strecke führt über kurzweilige Pfade dem wunderschönen See entlang und erlaubt immer wieder geniale Ausblicke.

Irgendwann werden die Kilometer doch anstrengend und unsere Füße beginnen zu schmerzen. Wir entdecken in einer Waldlichtung mit sensationellen Blick auf den Loch Lomond eine Parkbank mit davor liegender kurz geschnittener grüner Wiese. Der ideale Platz um den Abend in Ruhe zu genießen.

Der dritte Tag zeigt sich aus der fordernste Tag auf diesem Fernwanderweg. Über lange sich in leichtem auf und Abziehen der Kilometer zieht sich der durch viele Felsen und Geröll durchzogene Singletrail dahin. die nicht ganz leichten Rucksäcke ziehen an den Schultern und fordern uns auf unsere Schritte präzise aufzusetzen.

Gegen Mittag erreichen wir ein Pub wo wir wieder warmes Essen zu uns nehmen. Unser tagesziel ist es den nächsten Pass zu erreichen. Wiederum begleitet uns während unseren Aufstieg ein sprudelnder Bach mal auf der linken oder auf der rechten Seite. Das Grün der uns umrahmenden Hübel und Berge ist überwältigend. Leider begleitet uns auf diesen Teil der Strecke auch die Autostraße. nach vielen Stunden außerhalb des lauten Autoverkehrs erscheint dieser sehr störend, ja sogar aus massiven Eingriff in die ruhige Natur. In einer Waldlichtung habt vom Lärm der Zivilisation finden wir wiederum einen Zeltplatz. Dahinter liegt ein Wäldchen wo ich prüfen will ob wir dort unser Zelt aufbauen können.
Mit Erschrecken entdecke ich, dass das ganze Wäldchen mit weißen kleenex und toilettentücher dekoriert ist. Die Fernwanderer schmeißen ihren ganzen Müll und ihr WC-Papier in den Wald. Ich kann das nicht verstehen. Es ist doch so einfach sein genutztes WC Papier in eine kleine Plastiktüte wegzuräumen und an geeigneter Stelle zu entsorgen. Wenn es selbst sogenannte Naturliebhaber nicht Sorge zur Umwelt tragen indem sie ihren mitgebrachten Müll nicht wieder mitnehmen ist es doch kein Wunder dass wir weltweit riesige Probleme mit den Eingriffen des Menschen in die Natur haben. Solange sich der Mensch nicht komplett aus Teil der Natur emotional begreift und tiefgreifend versteht und erfährt wird sich das nicht ändern.

Hochmoor

Der vierte Tag führt uns über weitere kleine Pässe. In einem Dorf bekommen wir weitere Nahrungsmittel für die nächsten Tage. In zwei Pubs um Bridge of Orchy können wir uns noch Stunden im kalten Regen wieder aufwärmen und genießen heißen Kaffee, Tee und einen Hamburger.
Da wir uns entschieden haben auf dem Hochmoor zu übernachten teilen wir uns die letzten Etappen so ein dass wir am späteren Nachmittag dort ankommen.

An diesen Tagen findet der West Highland Way Ultratrail statt. Die besten Läufer benötigen für die gut 150 km etwas weniger als 24 Stunden. Es regnet in Strömen und die Läufer passieren uns in kurzen Hosen und teilweise sogar in T-Shirts. Andere tragen zumindest eine dünne Regenjacke. Mit etwas Sehnsucht verfolge ich die Läufer mit meinem Blick und sehne mich etwas nach der Zeit vor einigen Jahren als ich selbst auf solchen Trails vom Wettkampffieber getrieben unterwegs war. Es war eine sehr anregende und von Leidenschaft geprägte Zeit, während der ich viel über Ausdauer, Beharrlichkeit und Fokussierung auf das Wesentliche gelernt habe.

An unserem Schlafplatz angekommen suchen wir bei starken Regen unter ein paar Tannen einen Platz für unser Zelt. Einmal mehr entdecken wir das hier viele Menschen ihre Notdurft verrichten und die ganzen cleanet Türen und das WC Papier im Wald verstreut herum liegt. Unglaublich!

Am Waldrand findet sich ein geeigneter flacher Platz. Wir schaffen es irgendwie das bereits nasse Zelt aufzubauen, denn Innenraum trocken zu reiben und uns dann noch entledigung der nassen Kleidung in unserem super kleinen Zelt abzutrocknen. Bei starken Regen kommt der Nachteil dieses ultraleichten und auch kleinen Zeltes zum Ausdruck. Zwar passen unsere Rucksäcke in das Vorzelt, und auch etwas Gepäck ins Innenzelt, viel Platz für uns bleibt jedenfalls nicht übrig. Auf längere Dauer zu zweit in so einem Zelt zu leben ist nur möglich wenn man sich wirklich liebt…..

Gemäss Wetterbericht soll der Tag Nummer fünf viel Regen bringen. Dies trifft genau zu. Als wir aufstehen regnet es bereits solide. es gibt keinen Kaffee dafür gilt es so schnell wie möglich das ganze Gepäck in die Rucksäcke zu verstauen und diese regendicht zu verschließen.
Nach zehn Kilometern erreichen wir das Krings Hotel. Hier gibt es erst einmal Frühstück und heißen Kaffee. Es gilt auch die nächste Etappe nach Kinlochleven zu planen.

Seit ein paar Tagen regt sich in Ritas linken Knie ein Schmerz. Heute scheint dieser so stark geworden zu sein dass Rita nur schwer weiter kommt. Dennoch ist es ihr Ziel Kinlochleven zu erreichen. Er ruhig und umsichtig legen wir den steilen Aufstieg auf dem Devil’s Staircase zurück. Der lange Abstieg auf dem steinigen Singletrial und den steilen Schotterstraßen ist für das Knie definitiv nicht förderlich.

Wir sind überglücklich aufgrund der Wetterprognosen drei Tage zuvor in Kinlochleven bereits ein Holzhäuschen zur Übernachtung reserviert zu haben. Es regnet und wir können unsere nassen Kleider trocknen. Vor allem bekommen wir ein warmes Bett!

Rita beschließt auf das Wandern der letzten Etappe zu verzichten, so dass ich am Morgen alleine aufbreche. Ein kurzen knackiger Aufstieg führt mich auf eine Hochebene. Auf dieser führt eine schotterstraße in leichtem auf und ab in Richtung Ben Nevis.

Noch einmal zweige ich ab auf einen Singletrail und treffe da auf Bikepacking Reisende welche an einem Rennen in Schottland teilgenommen haben. der Regen im Norden muss so stark gewesen sein dass das kreieren von Bächen lebensgefährlich wurde. Sechzig Prozent der Teilnehmenden hatten zu diesem Zeitpunkt schon aufgegeben.

Ein letzte Abstieg ins Tal, vor mir erhebt sich der ben Nevis der höchste Berg Großbritanniens. Er zeigt sich in seiner ganzen Schönheit. Mit Freude erinnere ich mich daran als Rita und ich 2012 diesen Berg bestiegen haben. In der Ferne erblicke ich Bergwanderer welche sich im Zickzack den Berg hinauf winden.

Auf dem Zeltplatz stelle ich umgehend das Zelt auf um es an der Sonne zu trocknen. Bald kommt Rita welche mit dem Bus angereist ist. Wir verbringen einen gemütlichen Nachmittag an der Sonne.

Wiederum alleine breche ich am siebten Tag für die letzten drei Kilometer auf und erreiche das Ende des West Highland Ways. Leider alleine. Wie schon zuvor fühle ich an diesem Ort keine großen Emotionen. Es ist als würde in mir etwas Frieden finden. Frieden von der Sehnsucht anzukommen.

Aufgrund der Sehnen- oder Schleimbeutelentzündung am linken Knie von Rita beschließen wir wieder nach Glasgow zu fahren und da ein paar Tage zu verbringen.

Wir brauchen einen neuen Plan.


2 Comments

  • Karin Spack

    30. Mai 2019

    Lieber Guido und Rita

    Vielen Dank für diesen Newsletter. Für mich entführt ihr mich damit immer wieder in Welten, die mir unbekannt sind. Sehr spannend.

    Bleibt gesund und weiterhin viele schöne Momente wünsche ich Euch beiden von Herzen.
    Vor allem gute Besserung dem Knie von Rita! Die Kur mit schwarzer Melasse und Apfelessig hilft nicht nur beim Knie. Ich habe seither abends auch kein Wasser mehr in den Fussgelenken und die Verdauung ist top.

    Liebe Grüsse, Karin

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    • Guido

      30. Mai 2019

      Liebe Karin, bin Dank für deine Zeilen und deinen Tipp mit der schwarzen Melasse.
      Deine Zeilen freuen uns und es ist schön zu lesen dass sie dich auch in eine andere Welt entführen. GLG Guido und Rita

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