#45 WAS HAT MEINE RADFAHRT EIGENTLICH MIT EINER FLIEGE ZU TUN?

Wer auf die Karte schaut und alle Orte betrachtet welche ich besuchen konnte und durchfahren habe, wird erkennen, dass es sich etwa so wie eine Fliege verhält, die wirr umher fliegt, immer auf der Suche nach etwas Süßen nach etwas Feinem.Sie scheint orientierungslos und dennoch fliegt sie zielsicher immer genau zum richtigen Ort, schnappt sich dort etwas Süßes oder setzt sich auf Scheiße um auch diese zu kosten, um dann sofort wieder weiter zu fliegen, zum nächsten vielversprechenden Ort.

Strecke

Vom 14. Juni an, bin ich mit dem Fahrrad während 71 Tagen 9000 km und 14 Länder durch Europa gefahren. Ich habe immer neu geplant, bin der Coronapolitik ausgewichen, habe lebensnegierende Regeln gebrochen, viele Grenzen überfahren, wurde jeden Tag mindestens 4-10 mal von Autofahrern in ihren motorisierten Fahrzeugen mit dem Tod bedroht, habe einigen/vielen Menschen am Strassenrand aus der Patsche geholfen, habe 100e Motorisierte Menschen angeschrien, da sie mich mit ihren Fahrzeugen lebensgefährlich bedrohten, habe mich immer wieder beruhigt, habe geschwitzt, habe gefroren, mich verfahren, geweint, gelacht, laut gestaunt ob der Schönheit von Landschaften, getrauert um all die todgefahrerenen Tiere auf den Straßen und auch wegen all dem Abfall am Wegesrand, mich gefreut als ich von Menschen auf der Straße wieder erkannt wurde, war bewegt als mir ein Franzose eine Pizza bezahlte, tief erfreut über die Gastfreundschaft meiner Facebook Freunde welche jetzt Freunde geworden sind. Ich habe während der meisten Kilometer mich im Frieden gefühlt, tiefen Respekt vor den Bergen des Lebens erfahren, bin drei mal heftig gestürzt, habe 3 platte Reifen gehabt und ein paar Schäden mehr. Und, ich habe am 24. August nach 71 Tagen meine herzliebste Rita wieder in den Arme gehalten.

Am 15. Juni, am Tag als die Grenze zu Deutschland sich öffnete, überquerten Rita und ich die Grenze um nach Waldshut eine Freundin von Rita zu besuchen. Eine Woche später erreichten wir Bühl besuchten dort Freunde, um am nächsten Tag nach Hagenau zu fahren wo ich Rita für längere Zeit verabschiedete. Rita brauchte eine Auszeit vom Nomadenleben.Ich entschied mich, diese Zeit dafür zu nutzen meinem hyperaktiven Teil, welcher nie genug bekommt freie Fahrt zu lassen. Dies bedeutete, dass ich so viel fahre und so weit kurble, wie ich oder mein wilder Teil in mir es wollte. Keine Limits einfach fahren, immer weiter, immer neue Orte, Grenzen überschreiten, neues Land neue Süßigkeiten.Die wesentlichen Stationen dieses Roadtrips waren folgende:Olten, Aarau, Waldshut, Bühl, Hagenau, Karlsruhe, Nürnberg, Prag, Krakau, die hohen Tatra und die kleinen Tatra, Kosice, die südöstlichen Nationalparks von Polen, Lublin, Warschau, Danzig, die Fähre nach Schweden bis 70 km südlich von Stockholm, die Fahrt in Richtung Nordwesten durch Schweden, den Rondane-Nationalpark in Norwegen, Trollstiegen, Geiranger, Sognefjord, viele Hochebenen in Norwegen und die wunderbaren Pässe in Richtung Süden bis nach Kristiansand, die Fähre nach Hirtshals von da aus quer durch Dänemark bis nach Flensburg, in Deutschland hatte ich die Gelegenheit während fast eine Woche jede Nacht bei Freunden zu verbringen, in Brüssel durfte ich kurzfristig am Abend bei Freunden einkehren und übernachten, weiter ging es in Richtung Le Havre, die Normandie mit Omaha Beach und Utah Beach, Saint Marie l’Eglise, um dann in Richtung Süden abzubiegen und im Landes inneren in Richtung Toulouse zu fahren wo ich entlang des Canal du Midi etwas flache Strecke fahren konnte bevor ich abbog, in Richtung Andorra, wo es zum ersten Mal auf einen hohen Pass bis 2400 Meter über Meer zu steigen galt. Da Coronabedingt die Einreise nach Spanien nicht möglich war ging es von Andorra aus wieder zurück in Richtung Cargassonne, dann weiter zur französischen Mittelmeerküste bei Sete, La Grande Motte nach Arles, über die Provence nach Grasse, Nizza und Monaco. Bei Monaco gings direkt hoch über den Berg und von da aus durch kleine Seitentäler zum Col Saint Martin. Danach über den Col de la Bonnette und gleich weiter zum Col de Vars, nach Embrun, la Mure, Grenoble, Genf, Bern.Zwischen jedem diese Orte liegen faszinierende Landschaften, unzählige Schluchten, Wasserfälle, Berge und Gebirgszüge und Seen. Sechs Meere, 17 Grenzquerungen, unzählige Begegnungen mit Menschen, touristisch überfüllte Ortschaften, tiefe einsame Wälder zerstörte Landschaften, seidenfeine Straßen, grobe Pisten steile Aufstiege, Schotterwege und rauer Asphalt.

Das unnachgiebige und immer wieder Umwelt zerstörende Wirken der Menschheit ist überall sichtbar und fühlbar. Es gibt keine Orte wo nicht irgendwo Müll herumliegt, selbst tief in Wäldern wo ich mich mit dem Zelt zum Übernachten hin begeben habe liegen Flaschen und Plastik herum.Ich erfahre auch direkt an mir und an der Natur wo ich mich bewege, wie die meisten Menschen ihre Bedürfnisse und vermeintlichen notwendigen Aktionen gnadenlos ausleben. Dies zeigt sich immer wieder bei der Nutzung von motorbetriebenen Geräten wie Autos, Motorräder, Wohnmobilen, egal welche Dinge, welche den Menschen vermeintlich Freiheit zu geben scheinen.Würden diese Menschen ihre Natur WIRKLICH lieben, würden sie unweigerlich und sofort ihr Handeln verändern. Zutiefst bin ich von der westlichen Wertehaltung des größten Teil der Menschen ent-täuscht.Sie schwätzen viel, handeln trotz anders lautender Worten lebenszerstörend, wenn es eigentlich darum gehen würde lebensbejahend zu handeln. Die Menschen delegieren ihre Verantwortung an die Gemeinschaft gab, an die Politiker anstelle selber ihr Leben in die Hand zu nehmen und für ihr Tun Verantwortung zu übernehmen und damit konsequenterweise dem Planeten zu dienen. Oder, sie wollen einfach ihren lebensnegierenden Job nicht wechseln weil sie ihre Rente bekommen wollen. Das Vorbild welches sie ihren Kindern vorleben scheint sie nicht wirklich zu beschäftigen. Dies stimmt mich am meisten traurig. Denn den Preis werden die Kinder austragen dürfen.

Dies bedeutet nicht, dass man auf Autos und motorisierte Gegenstände, schönem Wohnen, Kunst usw. verzichten muss. Es stellt sich einfach die Frage was ist lebensförderlich und was ist lebensnegierend, und damit was dient mir meinem gesunden lebensbejahenden Sein. Alles andere ist für das Leben bedeutungslos und dient nur einem ungesunden egozentrierten Ego.

Eine Reise hat für mich viel mehr mit der inneren Er-fahrung zu tun als mit den äußeren Punkten welche ich an-fahre oder be-reise. Diese Punkte dienen vor allem und meistens auch einer äußeren Befriedigung, sie dienen mir auch als Punkte zur Selbstreflektion und Erkenntnis meiner eigenen Sucht im Außen etwas zu suchen was ich nie finden werde.Ohne gefühlte innere Erfahrung und Selbstreflektion wird Äußeres belanglos und zum Konsumgut degradiert. Es dient der Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse, welche in Wirklichkeit nie befriedigt, geschweige befriedet werden können. Der Betroffene wird immer wieder nach neuen äußeren Reizen suchen.

Und immer wieder erfahre auch ich tiefe Ruhe und Zufriedenheit während der Zeit auf meinem Sattel, in meinem Zelt, mit dem Wenigen was ich transportiere und was mir das Leben erleichtert.Im Wesentlichen braucht der Mensch nichts, fast nichts um in sich Zufriedenheit, echten Frieden zu erfahren. Dabei geht es nicht um kurzfristige Befriedigung sondern um langfristigen inneren Frieden. Dies geschieht wenn du zum größten Teil aus eigener Körperkraft und Leidenschaft deine Träume lebensbejahend lebst. Ich bin glücklich wenn ich Abends eine Ecke finde wo ich mich hinlegen kann und etwas zu Essen vor mir habe, einen Kaffee in der Hand, ein Zelt über mir weiss welches mich vor dem Regen schützt, die Natur vor meinen Augen sehe, frische Luft atmen kann und natürlich auch wenn ich weiss, dass ich fast keinen (einen immer kleineren) Fußabdruck auf der Erde hinterlasse.

Zur Zeit fühle ich mich satt und genährt durch meine Erfahrung, nach der langen Fahrt haben sich Rita und ich wieder vereint und wir sind wieder gemeinsam unterwegs zu einem neuen Projekt von welchem ihr voraussichtlich im Winter erfahren werdet.


Leave a Reply