#44 das perfekte Fahrrad und das ideale Reparatursetup auf der langdistanz Fernreise

Radreisende auf Langdistanz, also mehrere 10’000 km, benötigen ein sehr gut funktionierendes, einfach zu reparierendes Fahrrad und idealerweise ein ausgeklügeltes Ersatzteilkonzept um selbst im Nirgendwo bei technischen Problemen beinahe sämtliche Schäden oder Reparaturen ausführen zu können.

Um es vorweg zu nehmen, für eine Langzeitreise benötigt man kein extrem teures Fahrrad. Man kann mit jedem Fahrrad von zu Hause aus starten und sich dann den entsprechenden Herausforderungen welche das Fahrrad stellt stellen. Sozusagen, learning on the road.

Ich persönlich ziehe eine gute Planung, eine seriöse Vorbereitung und ein auf meine Bedürfnisse zugeschnittenes Fahrrad im mittleren bis oberen Preissegment für eine Langzeitreise vor. Gerade auch wenn deine Reise über mehrere Jahre dauert spielt letztendlich der Kaufpreis eine eher unbedeutende Rolle. Langlebige allenfalls etwas teurere Bauteile werden dir unterwegs weniger technische Probleme aufgeben als ein billiges Fahrrad. Wer sich kein neues Fahrrad leisten kann bekommt sehrwahrscheinlich auf dem Occasionsmarkt preiswert ein hochwertiges zu ihm passendes Fahrrad. Mit wenig Geld lässt sich dieses dann zum langstreckentauglichen Fahrrad aufbereiten.

Nachfolgend bekommst du einen Blick in den Aufbau unseren Fahrräder und auch eine Begründung dafür, weshalb wir bestimmte Bauteile eingebaut haben.

Fahrrad

Das perfekte Fahrrad

Für die lange Tour (mehrere Jahre) gibt es unserer Ansicht nur einen Rahmen. Einen Stahlrahmen. Idealerweise in hochwertigem Stahl z.B CrMo 851.

Wir fahren ein Papalagi von MTB cycletech. Die hervorragenden Fahreigenschaften und Elastizität der Rahmens lassen keine Wünsche übrig. Wer größere Reifen als 2 Zoll Reifen benötigt müsste auf einen anderen Rahmen zugreifen.

Reparaturen:

Merke: eine Langzeitreise ist eine intensiv Belastung für das gesamte System, so auch für das Fahrrad. Alle Teile kommen an ihre Belastungsgrenze und viele Teile zersetzen sich. Hier findest du die meisten der bisher angefallenen Reparaturen und Materialschäden.

Reifen:

Reifen und Felge

Schwalbe Marathon Green Guard 1.5″ oder 1,75″: mit diesen Reifen haben wir schon bis 35000 km am Stück zurück gelegt. Bei ganz schwerem Gepäck nutzt er sich etwas schneller ab. Da empfiehlt es sich dem Hinterradreifen frühzeitig nach vorne zu wechseln und umgekehrt. Zur Zeit bin ich mit dem Greenguard bei 16 – 17000 km und habe noch viel Profil auf dem Reifen. Ich bin zuversichtlich noch mindestens 15.000km fahren zu können. Mit diesem Reifen sind wir auch durch den Pamir Highway und durch die herausfordernden Straßen von Osttibet, Myanmar und dem Dschungel von Sumatra gefahren. Wir fahren ca. 10-20% Piste. Der Rest ist Asphalt.

As Ersatzreifen führen wir einen faltbaren Schwalbe Marathon Reifen mit uns.

Schlauch:

Zu Zweien führen wir zwei Ersatzschläuche mit. Wäre ich alleine würde ich auch zwei Schläuche einpacken. Wir haben auch einen wasserdichten Filzstift dabei. Die Reifen sind in Fahrtrichtungsanzeige markiert wo das Schlauchventil aus der Felge tritt. Tritt ein Platten auf, wird bei der demontage auch der Schlauch in Fahrtrichtungsanzeige markiert. Sobald das Loch gefunden ist gleiche ich jeweils den Ort auf dem Reifen ab. So kann ich recht einfach, vor allem schnell die dünnsten Metallnadeln, Scherben oder kleinste Stachel im Reifen ausfindig machen.

Notfalls nutze ich zur Reinigung der Reifenoberfläche die mitgeführte Zahnbürste. So habe ich bisher jedes Stahldrahtstück oder Stachel gefunden.

Speichen:

Ein gutes Laufrad ist fachmännisch eingespeicht. Für lange Reißen montierst du am besten eine solide 32 oder 36 Speichen Felge. Wir fahren 32 Speichen und haben seitdem ich die Räder selber eingespeicht habe keinen Speichenbruch mehr zu verzeichnen. Es waren meine allerersten Laufräder welcher ich eingespeicht habe, es ist also kein Hexenwerk.

Dennoch führen wir für jede Speichenlänge je 5 Speichen aus Ersatz mit uns.

Felgen

Felgen Rhyno Lite oder Sputnik

Als Felgen nutzen wir eine Rhyno light Felge von Sun. Als Alternative sind auch Sputnik Felgen sehr zu empfehlen. Diese Felgen sind sehr gut für Felgenbremsen geeignet weil sie eine relativ dicke Wandstärke besitzen und dir somit eine lange Laufleistung bescheren werden. Mit diesen Felgen fährst du entspannt 35 – 45’000 km inklusive vieler hunderttausend Höhenmeter (mehr als 1’000hm/100km)

Bremsen:

Felgenbremsen Shimano LX

V-Brake Shimano LX. Alle fünf bis zehntausend Kilometer ersetzen wir die Bremsbeläge. Die Bremsen werden regelmäßig gereinigt und eingestellt. Alle 10 bis 20’000 km sind die Bremskabel zu ersetzen. Nach wie vor funktionieren die Bremsen bei über 45’000km perfekt.

Dynamo: SON 28

Dynamo SON 28

Diese bringen eine sehr gute Stromleistung bei minimalem Widerstand und verfügen über sehr langlebige Lager (viele 10’000km).

Kurbellager:

Kurbellager Shimano Road oder MTB

Wir fahren BB Lager von Shimano (Road oder MTB). Diese Lager zerstören sich selber innerhalb von 5 – 10’000 km. Die kürzeste Lebensdauer eines Lagers betrug bei mir 2’000 Kilometer. Der Schaden ereignete sich mitten in der Nullarbor Ebene. Dank dem, dass wir ein Ersatzkurbellager dabei hatten war der Schaden innerhalb von 20 Minuten behoben.

Aus oben genannten Gründen haben wir immer zwei Ersatzlager dabei.

Leider fahren wir keine Vierkantlager, diese sind wohl die langlebigsten und solidesten Lager welche du erwerben kannst. Der Nachteil ist, dass relativ hohe Gewicht.

Sattel:

Brooks b17. Diese Sattel fühlt sich nach ein paar gefahrenen Kilometer an wie ein Sofa. Ziemlich sicher benötigst du spätestens dann keine Radhosen mehr um damit zu fahren. Strecken bis 200 km fahren sich damit sehr locker.

Da ich extrem viel schwitze hat sich der Brooks-Lederssattel bei mir noch rund 30’000 km nicht mehr bewährt. In Asien und Südostasien war der Sattel den ganzen Tag lang nass und feucht, so dass ich trotzdem, dass ich mit Radhosen fuhr im Schritt wund wurde.

Deshalb habe ich auf den Brooks c17 gewechselt. Nach rund 6.000 km bin ich nach wie vor sehr glücklich mit ihm. Obwohl der Sattel etwas härter ist als der b17 lassen sich auch damit 200 km am Stück sehr gut fahren.

Gepäckträger

Gepäckträger Tubus rostet

Als Gepäckträger kommen ausschließlich Stahl Gepäckträger oder Titan Gepäckträger in Frage. Unsere Stahlgepäckträger benötigen nach zwei bis drei Jahren aufgrund von starken Rostbefall einen Neuanstrich.

Pumpe:

Lezyne mit Manometer

Als Pumpe benutzen wir seit Beginn unserer Reise eine Lezyne Micro Floor Drive HVG Pumpe mit Luftdruckanzeige. Abgesehen davon, dass ich ein paar mal einen Ohrring mit etwas Fett einstreichen musste funktioniert die Pumpe bis anhin perfekt.

Antrieb:

Rohloff mit Kettenspanner
Rohloff 14 Gang

Nach mehreren 10’000 Kilometer Fahrt mit klassischer 27 Gangschaltung mit drei Kettenblättern fahren wir seit vier Jahren eine Rohloff Schaltung mit Kettenantrieb. Wir sind begeistert ob der niedrigen Unterhaltskosten und der wenigen Ersatzteile welche wir bis anhin kaufen mussten.

Während der ersten 10’000 Kilometer sammelten wir Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Unterhalt des gesamten Systems.

Wir haben von Beginn weg die Schalttrommel mit den von Rohloff angebotenen Verstärkungsringen verstärkt. Diese verhindern bei großer Belastung das ausreißen der Speichen an der Trommel.

Wir haben auch denn Steckritzel Adapter „Splined Carrier“ montiert.

Schon nach kurzer Zeit wurde klar, dass Shimanoketten aufgrund ihren kurzen Lebensdauer ungeeignet sind, ich fuhr damit maximal 2000 bis 2600 km. Nach intensiver Websuche sind wir auf die Campagnolo C9 Ketten gestoßen. Mit diesen fahre ich immer mindestens 10000 km. Des weiteren sind ein paar Teile am Rohloff Antrieb regelmäßig zu ersetzen. Ritzel wenden wenn Kette gewechselt wird. Ritzel austauschen nach der zweiten Kette.

Nach weit über 45000 km mit zwei Fahrrädern kennen wir die notwendigen Ersatzteile welche du idealerweise im Gepäck hast. Mit diesen kannst du unbeschwert, quasi in einem Zug weit über 20 bis 30.000 km fahren ohne dich um schwer zu bekommende Ersatzteile kümmern zu müssen. Versprochen!

Die einzupackenden Ersatzteile sind klein und abgesehen von der Ersatzkette nicht wirklich schwer. Mit einer zusätzlichen Kette gibst du deiner Fahrt 10000km dazu ohne dich um deinen Antrieb kümmern zu müssen.

Hier also die Materialliste:

Rohloff:

1 Campagnolo C9 Kette pro 10’000km

Rohloff Kettenlehre

1 Ersatzritzel in der richtigen Größe je 20’000 weitere km

1 Ersatz Seilzugtrommel

1 Ersatzschaltkabelsatz

Metallröhrchen auf genau 200mm gekürzt für das Messen des Schaltkabels

Ersatzschraube Schaltgehäuse

50ml Spühlöl je Fahrrad

50ml Getriebeöl je Fahrrad

Öleinfüllspritze

1 Ersatz Schaltriffbefestigungsbügel inkl. Schrauben

1 Satz Ersatzrädchen für Kettenspanner je Fahrrad

Sonstige Ersatzteile:

1 Bremskabel

2 Satz Bremsbeläge

2 Ersatzschläuche

1 Ersatzreifen, faltbar

4 Inoxschrauben mit Unterlagsschrauben für Gepäckträger und Flaschenhalter, je zwei lange und kurze.

Je Speichenlänge 5 Ersatzspeichen inklusive Nippel

1-2 Kettenschlösser für den Notfall

Je nach Strecke 2 Ersatzkurbellager

Werkzeug:

Werkzeug exclusive Sackmesser

Dünne Arbeitshandschuhe aus dem Baumarkt

Imbusset 1mm bis 8mm (Pedal)

Torks 1-4 für Rohloff und anderes

Speichenschlüssel

Kettennieter

Kleinstmögliche Beisszange mit Kabelschneider

Kleinstmöglicher Gabelrollschlüssel

Schweizer Sackmesser o. Ä.

Kleiner Schreubenzieher

Kettenöl

Solide Reifenheber

Wasserdichter Filzstift

Schlauchflickset mit genügend Flicken und Leim

Wenig Fett (Kurbellager und Anderes)

Wenig Fett für Brooks Ledersattel

Alte Zahnbürste für Antriebsreinigung

Kleinstmögliche Dose WD40

Ein paar Kabelbinder

Tape

Sekundenkleber

Unterhalt und Pflege:

Merke: der Antrieb ist das Heiligtum deines Fahrrades. Ohne funktionierenden Antrieb fährst du keinen Meter. Behandle deinen Antrieb wie deine Geliebte oder dein Geliebter. 

Nach mehreren Tagen auf Pisten oder nach ein paar hundert Kilometer auf Asphaltstraßen ist eine Intensivreinigung des Antriebes immer nötig. Entferne allen Schmutz von der Kette und reinige die Ritzelpakete und Kettenblätter minutiös von Schmutz und Sand. Damit verlängerst du die Lebensdauer deiner Kette locker um ein paar tausend Kilometer.

Überprüfe regelmäßig alle Schrauben auf ihren festen Sitz. Ich kann ein Lied davon singen weil ich es unterlassen habe. Abgebrochene Gepäckträgerschrauben welche sich nicht mehr aus dem Rahmen heraus lösen lassen sind keine Seltenheit.

Kontrolliere regelmäßig deine Bremsbeläge und die Einstellungen des Bremszuges. Ohne funktionierende Bremse kann eine Abfahrt ganz schnell zum Fiasko werden. die letzten drei Jahre habe ich mindestens ein halbes Dutzend Radreisende Arm getroffen bei welchen die hydraulischen Bremsen kaputt waren, zum Teil total versagt haben. Für uns ein wesentlicher Grund die V- Brakes zu nutzen.

Dein Fahrrad ist dein ständiger Wegbegleiter und liebt es, wenn du es regelmäßig pflegst und reinigst. Während dieser Arbeit wirst du sehr oft kleinere Schäden entdecken und gleich beheben können.

Merke: Löse Probleme generell und egal welcher Art immer sofort. Sie werden sich nie von selber lösen, sondern werden sich über Stunden oder Tage zu noch größeren Problemen ausweiten. Diese Tipp gilt nicht nur für Probleme am Fahrrad.

Zum Schluss:

Generell empfehle ich jedem der mehrere Monate auf eine Fernfahrt will, ein paar Monate vor der Abreise sein Fahrrad selber zu warten. Sprich:

  • Wechsle einmal die Kette, löse das Ritzelpaket und reinige dieses von Hand minutiös. Lerne deine Schaltgruppe genau einzustellen.
  • Demontiere, reinige und montiere einmal deine Pedale die Kurbel sowie und vor allem das Kurbellager.
  • Wechsle ein Bremskabel und die Bremsbeläge. Stelle deine Bremsen ein.
  • Wechsle deine Reifen vielleicht auch nur von hinten nach vorne und lerne wie man einen Flicken montiert.
  • Nimm ein altes Hinterrad, entferne eine Speiche auf der Ritzelseite um diese dann wieder zu montieren.
  • Studiere wie du einen Achter oder einen Höhenschlag aus der Felge nimmst.

Ich wünsch dich auf deiner langen Fahrt viele schöne Fahrkilometer und viel Spaß mit deinem Fahrrad

Guido


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