#36 Lenkerbruch und Erfahrung physischer Grenzen in Thailand

Thailand 18.10. 2018

Schon früh morgens fahren wir los und suchen vorerst einen Geldautomaten wo wir das notwendige Geld für die nächsten Tage abheben. Bald biegt der Weg rechts ab auf eine Schotterpiste.

Rita und ich kurbeln und schnaufen wie verrückt. Tief hängt der Nebel über den Palmen und verleiht der Landschaft ein unwirkliches Gesicht. Der Sonnenaufgang und in der Sonne glitzernde Spinnennetze laden zum Fotografieren ein.

Die Piste wird weicher, unsere  Reifen versinken im weichem Kies. Wir keuchen noch mehr und benötigen noch mehr Kraft um vorwärts zu kommen. Rita fragt mich, ob ich die Strecke wieder umgeplant habe. Umgeplant, von Asphaltstraße auf feuchte Single Trails? Ich bleibe ihr eine Antwort schuldig.

Tatsächlich ist es so, dass unsere Radreise App trotz der Einstellung, uns über Asphaltstraßen zu führen, sich gelegentlich auf Singletrails verliert. Jedenfalls wird unsere Fahrt so abenteuerlicher und alle paar Minuten erleben wir Überraschungen und neue Sichten auf dieses Land.

Etwas vibriert. Mittendrin, ich in meinen Abenteuern! Es hört nicht auf! Irgendwann wird alles real. Meine Abenteuer zersetzen sich in 100 Einzelteile, bis ich erkenne, es ist mein Handy das nach einer Reaktion ruft. Es ist 04h45. Scheiße Zeit zum Aufstehen!

Mühsam öffne ich meine Augen. Sie kleben. Ab aufs Klo und zurück ins Zimmer! Rita hat unterdessen kaltes Wasser mit Kaffeepulver zu unserem Morning-kick vermischt.

Eine Ananas, ein Blick in ihre Augen und alles ist gut. Ich trete vor unser Zimmer. Eine Wand voller Hitze und Feuchtigkeit empfängt mich. Es herrscht noch tiefe Nacht.

Wir schlürfen unser kaltes Kaffee Mixgetränk.

Innerhalb von wenigen Minuten sind unsere Velos reisebereit..

Die Stirnlampen montieren wir am Fahrrad. An unserer Hüfte blinkt rot, unser Rücklicht.  Es ist Nacht, Wolken ziehen vor dem Halbmond. Es ist Zeit loszufahren. Je früher wir morgens losziehen desto länger verschont uns die Feuchtigkeit und die hohen Temperaturen.

Ein paar Autos ziehen vorbei. Hunde kläffen, einige jagen uns hinterher. Wir kurbeln dem Sonnenaufgang entgegen. Schotterpiste, eine wackelige Holzbrücke, Betonpiste, und wieder eine Schotterpiste. Ein herzliches Hallo aus einem Haus. Ein Hund kläfft und eine ganze Meute rennt hinter uns her.

Es ist 10 Uhr, Zeit für eine Pause. Unsere Gastgeber haben uns ein Brot geschenkt. Wir kaufen Mayonnaise und Lyoner Wurst. Das Paradies auf Erden.

Bei langen Radreisen ist es faszinierend zu sehen und zu erleben wie sich in relativ kurzer Zeit alles am Velo zersetzt. Lustig jedoch finde ich dies gar nicht.

Nach langer Fahrt in extremer und schwüler Hitze erreichen wir unseren Übernachtungsplatz gegen zehn Uhr morgens. Neben dem Guesthouse befindet sich ein gut ausgestatteter Radshop. Mein Kurbellager und meine Pedale knirschen bereits seit vielen Kilometer. Also rein in den Shop, die Ersatzteile kaufen und einbauen lassen.

Als ich losfahre stelle ich fest das mein Vorderrad Spiel hat. Das Radlager ist kaputt. Da ich einen Nabendynamo mit geschlossenem Lager habe, kann das Lager hier In Thailand nicht ausgewechselt werden. Suuuper! Auch verfügt der Radmechaniker nicht über eine entsprechende Nabe. Noch besser! Jetzt sind wir damit beschäftigt mit verschiedenen Fahrradshops in Bangkok Kontakt aufzunehmen. Was jedoch cool ist, ist dass ich letzte Woche nach einem einstündigen Einsatz meine Rohloff Schaltung wieder leichtgängig machen konnte. Auch da hat sich ein Metallteil massiv zu zersetzen begonnen, und damit das ganze Schaltsystem extrem schwergängig gemacht.

Wir erreichen Pattaya früh am Morgen. Mein Vorderrad eiert, wirft mich in Kurven beinahe vom Velo. Es wird Zeit eine Lösung zu finden.

Mein Magen knurrt, ich habe Hunger. in einer Burgerbude bekommt Rita gequirlte Eier und ich einen Hamburger.

Schon frühmorgens ist das Zentrum von Pattaya chaotisch, vor allem verwirrend. Wenig Menschen viele Bars. Irgendwo ein weisser Mann der seinen ersten Whiskey trinkt. In einer anderen Ecke trinkt einer sein zweites Bier. Ein paar junge knapp bekleidete Tween-Mädchen schlendern durch die traurig scheinenden Gassen.

Für ein Zimmer bezahlen wir 1/4 mehr als bis anhin. Dafür hat es kein Fenster, und es mieft nach Feuchte und gelegentlich nach Kanalisation. Was soll’s wir sind mitten drin!

Am Abend treffen wir Georg, welcher uns ins Swiss Chalet zum Cordon bleu einlädt. Er lebt hier schon einige Jahre und kennt sich bestens aus. Bei ihm, seine herzensliebe Freundin Nong. So viel Herzlichkeit, Spass und Freude!

Auf dem Heimweg, es ist bereits nach acht, die Bars sind zum bersten voll. Thailändische Frauen bieten ihre Dienste an. Nicht wenige weiße Männer in eher hohem Alter mit einem aufgeblähten Bauch schreiten durch die Gassen auf der Suche nach etwas Nähe und Zärtlichkeit. Frauen auf der Suche nach Freiheit und etwas Geld.

Gelegentlich wabert ein Geruch durch die Gassen, welcher mich die Nase rümpfen lässt. Die Energie in den Gassen ist aufgeladen. Alles scheint nervös und auf der Suche nach irgendetwas was es nie zu bekommen gibt. Sehnsucht und Einsamkeit auf der Suche nach Begegnung Zärtlichkeit, Heimat, Sicherheit, Liebe und etwas Nähe.

Die einen benötigen das Geld um zu überleben, die anderen kaufen sich mit Geld etwas Nähe.

Andere missbrauchen die jungen Frauen zum Ausleben ihren perversen Fantasien.

Alles trifft sich hier in Pattaya. Die Sucht und Suche durchdringt mich, lässt mich unruhig werden. Trauer, Einsamkeit, Sehnsucht und Wehmut durchdringen meine Emotionen.

Obwohl man hier auf den Gassen nicht wirklich etwas schlimmes sieht, kann ich fühlen, das, hier unter anderem ein Zentrum menschlicher sexueller Abgründe ihren Ausdruck finden.

Rita und ich fühlen uns hier nicht richtig wohl. Eigentlich ist es total schräg was hier abgeht. Dennoch ist es ein menschlicher Ausdruck der Gegenwart. Es gibt hier auch viele Menschen aus Europa, aus Deutschland und der Schweiz welche in ihrer Heimat zu wenig Rente zum Leben bekommen und so gezwungen sind in die Ferne auszuwandern. Dort bekommen sie für das Wenige was sie in der Schweiz erhalten einen angenehmen Lebensunterhalt und auch im Pensionsalter etwas Liebe und Begegnung.

Ich kann das gut verstehen, bin dennoch verwirrt und hilflos, verstehe nicht warum Menschen aus dem reichsten Land der Welt zu wenig Rente bekommen um in ihrer Heimat ein würdiges Dasein zu fristen. Dies obwohl sie ein Leben lang lang ihren Beitrag in die Kassen geleistet haben.

Ich habe in meinem Leben schon einiges gesehen, besucht und ausprobiert und bin nicht auf alles stolz was ich versucht habe. Ich fühle ich mich verwirrt, von einer schwelenden ungesunden sexuellen Energie bedrängt und durchdrungen. Die Welt ist viel mehr als wir denken, komplexer, wilder, unhaltbar, buchstäblich grenzenlos. Gut und Böse geben sich die Hand.

Als wir losfahren beträgt die Temperatur beträgt schlappe 25 Grad. Leicht und flockig rollen wir daher. Meine Kette und mein Ritzel knirschen schon seit einigen hundert Kilometer und irgendwie geht mir der Sound nun langsam dermassen auf den Sack so dass ich beschließe endlich die Kette auszuwechseln und das Rohloff Ritzel zu wenden. Diese Arbeit ist einfach und dauert eine knappe halbe Stunde so dass wir bald wieder im Sattel sitzen. Das Knirschen ist weg und ich bin wieder im Flow.

Heute fahren wir wieder durchs Hinterland von Thailand, durch kleine Dörfer schmale Straßen und sehr grüner Landschaft. Die Bevölkerung ist neugierig und schaut uns immer wieder winkend zu, wenn wir vorbeifahren, sie lächelt und grüßt ganz herzlich.

Nach rund 80 Kilometer höre ich, als ich an meinen Untergriff greife ein leichtes Knirschen, irgendwie fühlt sich mein Untergriff weich. Plötzlich bricht er weg. WdF!!!!

Nun heißt es improvisieren und irgendwie die Rohloff Schaltung auf der anderen Lenkerseite montieren.

Vor ein paar Wochen habe ich schon geschrieben, dass es faszinierend ist, bei einer langen Radreise zuzuschauen wie sich alles in seine Einzelteile zerlegt. Nun hat es meinen Lenker erwischt und die vierte Campagnolo Kette.

Nach einer kurzweiligen Fahrt, wiederum zum größten Teil durch Thailands Hinterland erreichen wir Nakhon Sawan noch gut zweieinhalb Stunden Fahrt. Am Bahnhof erhalten wir kurzum ein Zugticket für die fünfeinhalb stündige Fahrt nach Bangkok. In Bangkok wollen wir einen neuen Lenker kaufen und den Schaltgriff so montieren lassen, dass wir noch drei Monate weiter fahren können.

Mittagessen gibt’s in einer Garküche bei einem kleinen Shop. Sechs ganz junge Hunde schleichen um uns herum und betteln um etwas Brot. Die Mama schleicht heran und bellt die Farangs an. Bald zählt auch Sie zu unseren neuen Freunden. Die kurzweilige Fahrt nach Bangkok führt über flaches Land. Die Fahrgäste teilen ihre Früchte und lachen mit uns. In Bahnhofsnähe Quartieren wir uns in einem Hostel ein.

Am Nachmittag bringe ich mein Fahrrad zu Bok Bok Bike in Bangkok Dies ist der einzige Händler zwischen Istanbul und Kuala Lumpur welcher Rohloffschaltungen vertritt.

Wir suchen gemeinsam Lösungen wie wir den Schaltgriff montieren können. Die Herausforderung ist dies dass aufgrund meines starken Schwitzen, ein Stück Aluminium sich am Rohloff Schaltgriff festgerostet hat. Des weiteren müssen die Brems- und Schaltkabel gewechselt sowie ein neuer Lenker montiert werden. Einen Tag später scheint eine Lösung gefunden, doch wiederum sitzt eine Schraube fest, so dass der Schaltgriff mit einem improvisierten Metallbügel mittels der Gabelschaftschraube montiert werden kann. Nun bin ich guter Dinge dass wir unsere Fahrt bis nach Indien fortsetzen können.

Am frühen Morgen verlassen wir Bangkok mit dem Zug in Richtung Nakhon Sawan wo wir den Nachmittag und die Nacht verbringen. Wiederum ist es schwül-heiß. Nachmittags zu fahren ist für mich sehr anspruchsvoll so dass ich darauf verzichte. Wir entspannen die paar Stunden am Nachmittag und schlendern gemütlich zu einem kleinen Restaurant wo wir Papaya Salat bekommen.

Von Nakhon Sawan aus, folgen wir den Fluss in Richtung Norden nach Kampaeng Phet, wo wir im gleichen Guesthouse wie letzten Oktober 2017 unterkommen. Hier erlebten wir letzten Oktober das. Loy Katong Fest. Doch unterwegs gilt es zweimal einen Platten an meinem Hinterrad zu reparieren. es stellt sich heraus dass die vielen Flicken welche ich übereinander geklebt habe, immer wieder Luft durchlassen, sodass ich beschließe einen neuen Schlauch zu montieren. Beim fahren schnellt mein Puls wie immer in die Höhe und ich muss aufpassen nicht zu überhitzen.

Unterdessen queren wir die zwei Bergigen Pässe vor Mae Sot. Ich blicke auf meine Füße Schweiß tropft darauf, fliesst dann wie klebrigen Leim seitlich in meine Sandalen und weiter auf die Straße. Noch einmal fünfzig Schritte! Ich schiebe das Velo aufwärts. Wieder bin ich der Passhöhe etwas näher. Mein Puls rast, der Schweiß läuft ich bin wieder einmal triefend nass. Alle 20 bis 50 m lege ich eine Verschnaufpause ein um dann zu Fuß weiter zu schleichen.

Auf den kürzeren Flächen Zwischenstücken setze ich mich aufs Velo um bei der nächsten Rampe wieder abzusteigen und zu schieben. Unterdessen habe ich mein schweres Velo Rita überreicht und ich schiebe ihr Rad den Berg hoch. Mittels den kurzen Pausen schaffe ich es, meinen Puls etwas zu reduzieren um dann einige Schritte weiter zu gehen.

Rita schlägt unterdessen vor Autostop zu machen und die Velos einzuladen. Ich gehe weiter, dazu gibt es nicht viel zu sagen. Was zählt sind die nächsten 50 Schritte. Das Wichtigste ist in Bewegung zu bleiben. Irgendwann bist du oben. Erinnerungen aus den Zeiten als ich an Ultraläufen teilnahm werden in mir wach. Ich konzentriere mich auf die nächsten Schritte. Mein Weg, mein Berg, mein Schritt

Gelegentlich nehme ich ein Schluck warmes Wasser aus meiner Wasserflasche, ein Blick auf meine triefenden Beine und das Wissen dass Rita in aller Ruhe hinter mir geht oder fährt gib mir Ruhe und Gelassenheit. Wir halten von einem schattenspendenden Baum und checken unsere Karten. Es sind noch 50 Höhenmeter und 400 Meter bis zur Passhöhe zu gehen, dann geht’s endlich wieder ins Tal.

Meine Kletterausdauer ist buchstäblich am Arsch. Dazu kommt die Luftfeuchtigkeit und die Wärme. Seit drei Monaten bin ich keinen Berg mehr gefahren, eigentlich waren es alles nur flache Etappen mit zwei drei kleinen Hügeln dazwischen.

Ich bin ziemlich geplättet. Gefragt sind Nudelsuppe mit viel Salz und gesalzene Nüsse.


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