#23 Kirgistan, Kasachstan, Grenzen und Plan Q

Der 23. Beitrag seit wir uns entschlossen haben Auszubüxen. Wir erfahren buchstäblich Grenzen, auf den Pässen und in Ländern. Wir sind gezwungen von Plan B auf C  zu D usw. zu wechseln um irgendwann bei Plan Q anzukommen. Ein Rückblick unserer Fahrt durch Kirgistan und Kasachstan mit Ausblick in Tagebuchform.

17.09.17 Kochor, Kirgistan

Diese verdammte Piste! Holt mich hier raus!

Reflexionen beim Aufstieg auf den genial schönen Kaldamo Pass, +- 3000müm
Ca.170km, 2500 hm, eher mehr.

Genau diese verdammte Piste ist schuld daran dass:
ich mich so mies fühle!!!!!
ich mich so entkräftet fühle,
mich dieses verdammte schütteln so fertig macht.
die Landschaft mir nicht mehr gefällt.
Vor allem, dass ich jetzt hier bin wo ich gerade bin.

Tief in der Bergwelt Kirgistans
Strassenbau Kirgistan
Abfahrt von einem 3000er
Aufstieg zum Son Kul


Ist es nicht diese Piste, die diesen Menschen in diesem Land die Möglichkeit geben sich von Ort zu Ort zu bewegen?
Ist es nicht genau diese Piste, die es uns ermöglicht diese einmalige Landschaft zu durchreisen?
Ist es nicht diese Piste, die es den Bewohnern dieses Landes ermöglicht das Notwendigste per Lastwagen angeliefert zu bekommen?

Ich liebe diese Erfahrungen, sind es doch genau diese welche mir aufzeigen wie ignorant und arrogant ich von Seiten der westlichen Welt geprägt bin.

Als hätte Kirgistan genau auf mich gewartet und für mich einen Asphalt Teppich sowie ein moderates Steigungsgefälle auf die riesigen Pässe einbauen wollen.
Als wäre dies das dringendste Problem, welches dieses und die meisten Länder, welche wir seit dem Verlassen Europas durchreist haben, zu lösen hätten.

So oder ähnlich tönen meine inneren Stimmen gelegentlich, wenn ich mich auf einer dieser Pisten einen Pass hinauf bewege.
Kurbelumdrehung um Kurbelumdrehung scheint sich mir die Welt, Stück um Stück zu erschließen.

Aufstieg zum Son Kul


Am Straßenrand treffen wir auf viele abenteuerlustige Autofahrer mit ihrem Land –  Cruiser oder sonst welchen überdimensionierten  Überlebensfahrzeugen, auf riesige vollbepackte Motorräder, aber auch auf Autoreisende mit kleinen Autos, oder relativ kleinen leicht bepackten Motorrädern. Jeder reist wie es ihm gefällt und widergespiegelt dabei seine Art mit der Welt umzugehen.
Wir treffen auch viele Radreisende, auch hier ist jeder Reisende ein Individuum, jedes Fahrrad ein Unikat aufgepeppt mit vielen Kleber & Gadgets, riesigem Gepäck und Anhängsel, oder ganz einfach reduziert auf das Wesentliche.

Viele Reisende berichten uns beim Kennenlernen, als erstes von ihren Erlebnissen auf diesen miesen und schwer befahrbaren Straßen.
Selten hören wir als erstes wie schön sich die Landschaft darstellt oder wie komplex und herausfordernd das Leben für die Menschen sich hier präsentiert. Oder ganz einfach von der letzten Nacht, wo sie bei jemanden eingeladen waren und der dabei erlebten Geschichten welche ihr Leben bewegt haben.

Ist es tatsächlich so, dass der Straßenzustand, oder sogar ein abgelaufenes Datum eines Snickers, wichtiger zu sein scheint, als das Beschreiben des eigenen Erleben beim Unterwegs sein?

Könnte es sein,
dass wir uns nicht ausreichend oder  ungenügend auf das vorbereitet haben was uns erwartet?
dass wir unterbewusst annehmen, dass sich die Welt so darstellen sollte wie im Westen?
dass wir unterwegs primär an unserer kleines Radfahrer- und Weltreisender Problem denken?

Dabei sind wir so sehr mit unseren kleinen Radfahrerproblemen beschäftigt, dass wir unfähig sind die Sorgen und Nöte der bereisten Länder und ihrer Bewohner zu erfassen, zu beschreiben oder in einen Kontext zu setzten.

Ich frage mich beim Kurbeln, wie angemessen  das Anwenden unserer westlichen, qualitativen Werte ist und ob dies von Respekt gegenüber dem Gastgeberland zeugt?

Meine Meinung ist: Nein.
.
Natürlich treffen wir auch auf viele Reisende welche durch ihre Selbstreflektion und ihren Austausch mit uns, unsere Reise sehr bereichern, ja, sogar unabdingbar machen.

Hier ein paar dieser faszinierenden Menschen die wir getroffen haben.

Da gibt es diesen Mitte 20 Jahre alten Rasta Radfahrer welcher im tiefsten Winter auf dem Rad Schweden und Norwegen befährt.
http://allcyclistsarebeautiful.com/ . Sein Freund und er leben vom sogenannten Containern. Dabei holen Sie ihr Essen bei Supermärkten aus Containern. Weggeworfenes Essen was niemand mehr essen soll.

Simone und Lukas. Sie befahren die M41, den Pamir Highway und teilen mit uns Ihre Erfahrungen, welche sie unterwegs erlebt haben als Simones Fahrrad auf einem Lastwagen einen beinahe Rahmenbruch erlitt.

Unvergessen bleiben die weit über 1000 km gemeinsame Fahrt durch den Iran, welche wir mit Löic und Cloé erleben durften.

Dazu gibt es noch die Gang mit welcher wir einen Teil des Wakan Tals erfahren haben.  Han Solo, Julia und Benjamin, Thomas, Dan.

All diese Radreisende haben durch ihre aufgestellte und erfreute Art unser Leben bereichert.

Am Morgen des vierten Tages nach dem Verlassen von Osh erreichen wir ziemlich verstaubt und etwas angezählt die Stadt Kazarman.
Es ist Zeit die Beine hoch zu lagern und die Stadt auszukundschaften.

 

26.09.17 Bishkek Kirgistan

Kochor, Kirgistan, von Osh, zum Son Kul (See) und Issyk Kul (See)

  • Durchatmen ein Pausentag oder Zwei einlegen.
  • Bilder der letzten Wochen ziehen in unserem Geist vorbei.
  • Bilder der Landschaft von Kyrgyzstan, den Straßen, welche sich durch die liebliche und manchmal schroffe Bergwelt ziehen.
  • Unendlich erscheinen uns ab und zu die langen Aufstiege auf die bis über 3000 Meter hohen Pässe.
  • Ein Traum sind die Ausblicke,  welche wir beim zurückblicken oder beim vorausschauen ins neue Tal erleben.
Jurtenleben
Gute Stimmung

 

Wir bauen unser Zelt neben einem quirligen Bach und einigen Bäumen auf. Eine Herde Pferde zieht vorbei und grast in unserer Nähe. In der Ferne liefern sich ein paar Hengste ein wildes Galopprennen über die Prärie.

Camping inmitten von Pferdeherden
Reiter begrüsst Reiter

 

Reiter am frühen Morgen

Riesige Pferde- und Schafherden weiden friedlich in der weiten, offenen Landschaft.
Zäune scheint es hier nicht zugeben.

Steile Serpentinen führen uns zum Son Kul. Auf dem Paß ein scharfer, kalter Wind, Schneegraupel und ein paar Regentropfen.

In einer Jurte gibt es heißen Tee und eine Suppe.

Irgendwo in der Ebene, geschützt durch einen kleinen Hügel, bauen wir unser Zelt auf. Ein paar Reiter kommen vorbei, treiben ihre Pferdeherde an, begrüßen uns mit einem Handschlag, ein Blick in die Augen, Stille und bald verliert sich sein schemenhaftes Wesen am Horizont.

Die lange Abfahrt aus 3400 Meter über Meer hinunter ins Tal ist geprägt von viel Geröll, Wellblechpiste und unsere Ungeduld endlich wieder auf Asphalt fahren zu können.

Richtung Issy Kul
Erster Schnee in Richtung Issy Kul
  • 7 Wochen sind vergangen seit wir Duschanbe verlassen haben.
  • 7 Wochen in den Bergen mit vielen Pässen, unendlichen Weiten, Menschen welche in sehr bescheidenen Verhältnissen leben.
  • 7 Wochen welche uns körperlich und emotional intensiv prägen.
  • 7 Wochen mit rund 2000 km und 25000 Höhenmeter.

7. Oktober 2017 Kasachstan

Almaty | 5°C

0715 wir öffnen den Reißverschluss von unserem Zelt, die Sonne zaubert einen wunderschönen Sonnenaufgang.
Der heiße Kaffee.
Das Blinzeln zur Sonne.
Warme Kleidung.
Und alles ist gut.
Die Fahrt nach Almaty ist hügelig und 145 km weit.

Frost, Mondschein in der Nacht, Sonnenaufgang
Gute Fernsicht
Strasse nach Almaty
Wirklichkeit, wohl 8%

Gut zu wissen, dass wir bei normalen Bedingungen jederzeit 145 km fahren können.

Die Einfahrt nach Almaty ist chaotisch, verwirrend und 20 km weit. Das Backpackers Hostel stellt uns für eine Nacht ein Zimmer zur Verfügung.

9. Oktober 2017 Almaty, Kasachstan

Almaty | 14°C

  • Am frühen Morgen stellen wir alle Unterlagen für unser China Visa zusammen:
  • Visa-Antrag
  • Invitation letter
  • Flugticket gültig, für knapp 1000 € gekauft wird morgen gecancelt
  • Zehn Reservationen für Hotels in China. Bereits gecancelt
  • Bestätigung der Bank, dass wir über genügend Mittel verfügen um die Reise zu finanzieren
  • Bestätigung unserer Krankenkasse, dass wir auch im Ausland versichert sind
  • Detaillierter Reiseplan
  • Kauf eines Zugtickets von Almaty nach Astana.

Danach geht’s ab zu UPS um unser Ersatzzelt abzuholen. Ausfüllen eines Zettels und wir können das Zelt in einer Woche abholen. Hier unsere Packliste

Auf zwei verschiedenen Poststellen fragen wir nach ob verschiedene Ausrüstungsteile angekommen sind. Nein sie sind nicht da und nicht auffindbar.

Drei Bike – Shops werden aufgesucht um Ersatzteile zu kaufen. Hier die Reparaturliste

Am Schluss stehen rund 26 km und 250 hm auf dem Tacho.

Wir reisen morgen nach Astana. Das sind 900 km pro Weg um zu versuchen ein China Visa zu bekommen.

Reisen ist ein Abenteuer.
Mensch gemachte Grenzen und alle dazu einzuholenden Bewilligungen machen einem das Leben nicht einfacher.

Wir lassen uns nicht unterkriegen und verfolgen unseren Weg per Velo fahrend, im Februar in Südkorea anzukommen, um an den Olympischen Spielen, Mischa Gasser bei seiner Teilnahme bei den Aerials anzufeuern.

Lektion in Sachen Gastfreundschaft.

Ein junger Mann begleitete uns zum Bahnhof und zum Abschied schenkt er uns je eine Tafel Schokolade.

Wenn du beschenkt wirst weil du etwas gefragt hast.


Habe ich das in der Schweiz jemals getan? Nein
Ich kenne niemanden der das so spontan tun würde .

Im Zug nach Astana genießen wir eine 2er Kabine mit Dusche und Toilette. Später werden wir im Speisewagen unser Nachtessen geniessen.

11. Oktober 2017, Astana Kasachstan

Astana, Kazakhstan | 6°C

Die Chinesen wollen, dass man rasiert ist wenn man die Botschaft betritt. Auch müssen Fotos ohne Bart präsentiert werden. Dabei ist nicht garantiert, dass man das Visa bekommt.

Der Bart verhindert unseren Zugang zur Chinesischen Botschaft

Wir sind etwas frustriert. Verzichten dennoch nicht darauf den Tag in Astana für eine Stadtbesichtigung zu nutzen.

Astana Einfahrt
Astana
Astana
Astana Kontraste

Okay das Zugticket für heute Abend ist gebucht. Wir fahren zurück nach Almaty, wo wir auf dem Chinesischen Konsulat einen weiteren Versuch starten wollen.

Hilfsbereite Schaffnerin
Sonnenaufgang in der Steppe
Frühmorgens: Steppe und Planung der nächsten Schritte

13. Oktober 2017

Lat: 43.242, Long: 76.961 | 14°C

Mein Geburtstag, den 55. Geburtstag feiern wir gemeinsam in einem feinen Restaurant. Endlich wieder einmal ein richtiges Steak essen und Salat, sowie eine gute Flasche Wein.

Geburtstagsessen


Wir sind etwas frustriert weil der Visaantrag für das China Visa auch hier in Almaty nicht funktioniert hat.

Mit dem Velo fahre ich durch die Stadt und suche zwei Kartons um unsere Velos flugfertig einzupacken.
Jetzt müssen wir nur noch unser neues Flugziel definieren und buchen.
Reisen bewegt, bewegt auch seine Ziele, welche du von zu Hause aus definiert hast. Ich glaube wir sind seit Abreise bei Plan H oder vielleicht auch Q angekommen.

Der Plan sieht vor, dass wir nach Bangkok fliegen und von dort aus Vietnam, Kambodscha, Laos besuchen. Nach dem Bogen im Norden fahren wir weiter nach Süden um von Kuala Lumpur, im Februar nach Südkorea zu fliegen. Hier der Plan 

Aber zuerst lassen wir es uns hier noch ein paar Tage gut gehen.


9 Comments

  • Peter Link

    16. Oktober 2017

    Tolle Bilder und authentischer Bericht. Schaut euch mal die Route hier an https://www.crazyguyonabike.com/doc/?doc_id=5927 Mae Hong Son loop von Chiang Mai Richtung Norden ist ziemlich anspruchsvoll.
    Hier sind gute Karten von Laos http://www.hobomaps.com/HwyDetailMapGuide.html
    Die Strassen entlang des Mekhong unterhalb Vientiang sind gerade flach und uninteressant.
    Vor einem Jahr habe ich auch eine Laos Vietnam Tour gemacht. https://www.strava.com/routes/6632691
    Meine allererste Tour vor über 40 Jahren mit 15 führte mich von Augsburg nach Frankreich durch den Jura nach Lausanne und entlang des Bieler Sees über den Pragel Pass zurück na D. Die Straße auf der einen Seite war noch geteert aber auf der anderen Seite waren nur noch Wanderwege denen mein Rad damals nicht gewachsen waren und ordentlich eierte. Ich wohne übrigens in Japan jetzt in Kyoto, falls ihr mal dorthin kommt.

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    • Guido

      16. Oktober 2017

      Hallo Peter, herzlichen Dank für deine Zeilen. Gerne werde ich deine Strava Daten studieren.

      Ja, der Brackel was hat es definitiv in sich. Gießen bin ich vor knapp 20 Jahren zum ersten Mal von der Ostseite gefahren. Wenn ich mich recht erinnere war er damals schon geteert.

      Rita und ich werden nach den Olympischen Spielen in Südkorea in Richtung Süden fahren um dann bis im April nach Tokio zu fahren. Somit werden wir Hanoi entweder Streifen oder durch fahren.
      Eventuell sehen wir uns ja dann.
      Beste Grüße Guido

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  • herbb

    15. Oktober 2017

    Muss mich korrigieren. Am entlang Mekong ab Luang Prabang. Vorher gibts soweit ich weiß keine durchgehenden Wege.

    Reply
  • herbb

    15. Oktober 2017

    ich war von Nordthailand und Laos begeistert. Ich hab die Route auf GPSies gespeichert. Ich bin ein paar Strecken mit dem Bus gefahren. (Zeitproblem) Die können aber fast alle direkt am Mekong gefahren werden. Slowboat von Thailand nach Laos ist mal ne interessante Abwechslung. Aber dann bitte nur den ersten Tag bis Pag Beng dann mit dem Rad nach Oudomaxi und Non Khiaw. Die schönste Strecke war von Luanag Prabang über die Berge nach Vang Vieng.

    https://www.gpsies.com/mapUser.do?username=servus-servus

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    • Guido

      16. Oktober 2017

      Hallo Herbb
      Vielen Dank für die Informationen ich habe mir auf Maps me gleich mal alle Punkte markiert
      LG Guido

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  • Karin Spack

    14. Oktober 2017

    Hey ihr beiden

    Danke vielmals für den spannenden und sehr authentischen Reisebericht. Dass Ihr jetzt via Südostasien Seoul erreichen werdet, freut doch meinen Nachbarn Mich Pitsch, mich übrigens auch und sollte euch entschädigen für die mühsamen Visa-etc-Abfragen. Häbets guet 🙂

    P.S. Mir gefiel die Geburi-Foto im Restaurant beim Anstoossen endlich mal mit einem feinen Tropfen Wein sehr gut 🙂
    Herzliche Grüsse Karin & Adrian

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    • Guido

      15. Oktober 2017

      Liebe Karin und Adrian
      Ja das Essen Geburtstagsessen mit der Flasche Wein war sehr gut. Und es wurde langsam Zeit wieder einmal so essen zu gehen.
      Herzlichen Dank auch für deine Zeilen und den bestehenden Kontakt. Das freut uns sehr.
      Ja, Mich wird sich freuen wir haben ja schon 2-3 mal unsere Pläne geändert. Morgen buchen wir den Flug. Dann ist alles fix. Herzliche Grüsse Guido und Rita

      Reply
  • herbb

    14. Oktober 2017

    Einfach nur klasse geschrieben. ich freu mich schon auf die Berichte aus Asien. War dort 2016 für drei Monate mit dem Fahrrad unterwegs.
    Viel Spass
    herbb

    Reply
    • Guido

      14. Oktober 2017

      Hallo Herbb
      Danke für deine Zeilen. Hast du eventuell Anregungen für Südostasien. Wir wollen eigentlich alle Länder kurz befahren und wir wären froh über Tipps welche an unsere Route liegen.
      Herzliche Grüße Guido

      Reply

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