von der möglichkeit des nicht möglichen

54 wochen nach dem start am UTMB laufe ich durch den zielbogen des TOR DES GEANTS. was für ein jahr, unglaublich, unrealistisch, meine mentalen anteile sagen immer noch: „unmöglich!“ sie wissen es
nicht besser. unmöglich scheint für den verstand das normale, das übliche zu sein um etwas zu definieren was ihm nicht ins konzept passt. zurückblickend jedoch, ist etwas entstanden was weder geplant noch gesucht war. entstanden primär aus purer leidenschaft unter zuhilfenahme des verstandes.

rückblick
vier der schwierigsten rennen welche zu fuss oder laufend zu bewältigen sind konnte ich erfolgreich beenden und habe das ziel in der maximal vorgegebenen zeit erreicht.

  • UTMB, die königin der ultratrailläufe
  • SPINE RACE: the most brutal race in great brittain ein winterultralauf im januar
  • MARATHON DES SABLES: ein wüsten etappenlauf in der kargensteinwüste und durch die dünen marokos sahara.
  • die TOR DES GEANTS. einer der schwiergsten und längsten bergultramaratons der welt
anfang 2013 habe ich mich für den UTMB angmeldet und habe aus der lotterie einen startplatz bekommen. damit bin ich am 30. August 2013 am UTMB gestartet. 168km 9’500 hm sind zu bewältigen. der utmb gilt unter trailläufern als die königin der trailrennen, die trailrunning weltmeisterschaft schlechthin.

nach der teilnahme am 100 meilenrennen des SPINE RACE im januar 2013 habe ich mich umgehend für das „richtige“ 268 meilen lange SPINE RACE 2014 angemeldet. am 9. januar 2014 startete ich am SPINE RACE “ the most brutal race in great brittain“ über das rückgrat englands, südlich von manchester liegt der start, bis in die cheviots in schottland. nach rund 148 stunden schlugen thomas ehmke und ich am ziel an. wir waren zu viert zusammen gestartet gemeinsam erreichten wir das ziel. michael frenz errichte das ziel ein paar stunden später. keine ahnung wie das gelungen ist.

im april 2013 habe ich mich nach der teilnahme am JUNUT (jurasteig nonstop mit 172km/6400hm) für den marathon des sables angemeldet und einen der begehrten startplätze erhalten. anfang april 2014 startete ich am marathon des sables, eines der schwersten etappenrennen. 8 etappen mit bis zu 80 km sind pro tag zu bewältigen. die gesamte verpflegung, ausrüstung und kleider werden selber mitgetragen. der veranstalter verteilt grad genügend wasser und ein wetterschutz in form eines stoffplane/beduinenzelt.

 

 

ende januar 2014 melde ich mich nachdem ich für den UTMB keinen startplatz erhalten hatte für die tor des geants an. die anmeldung läuft einerseits  über „die schnellsten erhalten einen startplatz,“ und danach entscheidet noch eine länderkontingent ob man einen startplatz bekommt. ich bin schnell genug mit der anmeldung. durch das auswahlverfahren erhalte ich unter 2700 angemeldeten einen startplatz. am 13.09.14 laufe ich in courmayeur ein. die TOR DES GEANTS ein rennen über 330km 24’000hm liegt hinter mir. erschöpft ungläubig taumelnd stelle ich einmal mehr fest was zu leisten mensch fähig ist.

vier rennen, drei jahreszeiten, vier unterschiedliche rennarten:

  • die weltmeisterschaften schlechthin
  • ein rennen ohne markierungen im winter bei täglich 16 stunden nacht
  • ein etappenrennen als selbstversorger in der wüste
  • das ultralange, mit 24’000 höhenmetern gespickte alpine rennen in den alpen.

nur wenige unbedeutende verletzungen habe ich mir zugezogen, habe weder schmerzmittel noch sonst welche medikamente benutzt um schmerzen zu reduzieren und so meine leistungsfähigkeit zu erhöhen oder um entzündungen zu verhindern. das einzige was ich mir für das wachbleiben gegönnt habe waren koffeintabletten und koffeinhaltige gels.

 

rückblickend erscheint mir dieses jahr wie eine analogie zum leben selbst. um den persönlichen grand slam zu bewältigen braucht es ein paar zutaten die einen sind persönlicher natur, die anderen sind eher systemisch gegeben, d.h. ich muss im richtigen moment am richtigen ort das richtige tun, das lässt sich nicht voraussehen oder berechnen. andere nennen das zufall, schicksal, oder glück:

1. zutat:
das eine bin ich selbst, meine leidenschaft, mein brennender wunsch das zu tun was ich tue. ich muss auch bereit sein den „preis“ dafür zu zahlen. d.h. ich muss bereit sein die notwendige zeitliche vorbereitung zu erbringen. das training, die auseinandersetzung mit den rennen, und ich muss meinem körper genügend zeit geben um sich an das bevorstehende anzupassen. und ich muss letztendlich bereit sein etwas zu tun was mein verstand mit „unmöglich“ klassiert und mit allen mitteln versucht zu verunmöglichen.

2. zutat:
ich muss bereit sein die notwendige zeit einzusetzen und das notwendige geld aufzutreiben sowie die startgelder als auch die notwendige ausrüstung zu bezahlen welches die teilnahme an diesen projekten erfordert. für mich bedeutet dies, dass ich indem ich das tue was für mich sinn macht und mir gut tut auf nichts verzichten muss (tun versus haben). von aussen betrachtet verzichte ich auf einen aufwändigen lebensstil, lebe teilweise schlicht und mit sehr niedrigem energieaufwand. ich verfüge weder über sponsoren noch sonstigen geldgebern.

ich bin mir bewusst dass diese zutat nicht allen im gleichen umfang zuteil wird. ich bin jedoch auch überzeugt, dass wir im westen schon in zeiten kurz nach dem erwachsen werden die weichen dafür stellen ob wir unser geld für unsere leidenschaft einsetzten wollen oder für anderes, (familie, kinder, auto, wohnung reisen, möbel, luxusgüter usw). ich habe mich schon als teenager entschieden mein geld für meine passionen auszugeben.

3. zutat:
das sogenannte glück. am utmb entscheidet das los. auf diesen startplatz habe ich keinen direkten einfluss. ich muss mich anmelden und die geforderte gebühr einzahlen. alles andere entsteht aus dem system. anders herum wenn alles passt passt auch das los ohne glück.

4. zutat
einsatz plus losglück. für die tdg entscheidet die schnelligkeit in der man sich anmeldet und danach noch ein vordefiniertes kontingent für die länder. auch auf dieses resultet habe ich auch nur wenig direkten einfluss. siehe auch pkt 3

5. zutat
ich muss die aufgaben lösen, mich einlassen mit allem was ich aus meinem leben mitbringe. keine kompromisse, kein nett sein und kein aggressiv sein gegen mich selbst und gegen andere. ehrgeiz kann das ganze zum debakel werden lassen.

6. zutat
geduld und ausdauer.

ist das nun etwas besonderes?

einerseits nein: dies ist das resultat meiner art zu leben, meines persönlichen leidenschaftlichen ausdrucks. also nicht besonders, sondern mein alltäglicher normaler zustand. ich habe mich nicht angestrengt um das zu tun, ich musste mich nicht verbiegen um mir oder anderen zu gefallen. ich habe es einfach getan weil etwas in mir dazu lust und freude verspürte. es war mir nicht wichtig ob mich jemand deshalb bewundert, obwohl die erhaltene bewunderung mir sehr gut tut und mir von aussen auch reflektiert, dass das was ich tue eine gewisse bedeutung hat. es bringt mich auch mit menschen in kontakt. das freut mich besonders!

andererseits ja: weil es einmalig ist und nicht wieder konstruierbar. ich habe eine ausserordentliche körperliche leistung erbringen können ohne dabei meinen körper zu schädigen. ich war bereit auch nebst dem training viel zeit für die vorbereitung und die teilnahmen aufzubringen und war auch bereit das für diese rennen notwendige geld zu verdienen und zu bezahlen. und last but not least ich habe geduldig mehr als 16 jahre trainiert, gearbeitet, geträumt, gehadert und gerungen bis alle zutaten bereit waren und zusammen gepasst haben.

wichtiger für mich sind vor allem die fragen: wie ist so etwas möglich? was benötigt mensch um seinen persönlichen grand slam realisieren zu können?
die wissenschaft bietet viele antworten und logische prozesse an. vor allem mentalels training wird angeboten. übersetzt das „trainieren“ des verstandes, es gibt coaches die behaupten, dass das mentale „wie ein muskel“ funktioniert. also der verstand ist so wie ein muskel zu trainieren. damit er so funktionien wie ich (wer auch immer ich bin) es will.

weshalb sollte ich meinen verstand bearbeiten? weshalb sollte ich dem verstand das kommando übergeben? weshalb sollte der verstand mich führen, frage ich mich seit langem. der verstand soweit ich es begreife ist die logikeinheit in mir, welche jetzt gerade hilft meine emotionen in worte zufassen und hilft durch fingerdruck auf die tastatur einen blog zu schreiben. der verstand ist der teil welcher mir hilft zu verstehen und in worte zu fassen was meine emotionen gerade erleben und mitteilen wollen. zumindest so erklärt es auch die moderne wissenschaft.

dass ich und alle menschen, viel mehr sind als der verstand ist seit jahrhunderten bekannt. nein ich muss nicht mentales training anwenden um ziele zu erreichen. was ich tun kann, ist mein innerstes, was viel mehr ist als mein mentales, zu werden, und auch da gibt es gesunde und weniger gesunde wege. diese wiederum füttern den verstand….


2 Comments

  • Guido

    30. Oktober 2014

    hallo markus, ja der mensch kann viel mehr als sein mentales ihm vorzumachen versucht. faszinierend für mich wie wenig die gesellschaft dies fördert und unterstützt. allrs gute wünsche ich dir bei deinem grand slam.

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  • Lauf Markus

    30. Oktober 2014

    Grandios was der Mensch im Allgemeinen und du im Speziellen zu leisten im Stande ist. Großen Respekt dafür!

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