Level V: vom Hinderniss zur Hürde

Sardona Ultra, km 40, photo by M. Schiefele

Turbulenzen breiten sich aus, gehen ihren Weg wie die sich ausbreitenden Wellen eines in einen See geworfenen Steines. Gegenwärtig fühlt es sich an als wäre ich bis letzte Woche in einem eher ruhigen wellenlosen See schwimmen gewesen. Seit ein paar Tagen treffen Wellen, welche von einem Felssturz herrühren von vorne seitlich auf mich ein.

Die Illusion das noch weit entfernte Ufer vor Sonnenuntergang zu erreichen schwindet. Aufgrund der entstandenen Strömung weiss ich nicht ob ich am angepeilten Ufer landen werde. Vordergründig wird alles anders am Project fifty. Es bleibt dennoch gleich: Ich schwimme weiter.

Sardona Ultra, km 40,
photo by M. Schiefele

Im Aussen ändern sich die Bedingungen:
Sportlich auf der Höhe wollte ich vor dem Winter noch ein paar lange Touren in den Hochalpen unternehmen. Daraus wird voraussichtlich nichts. Schnee und Eis haben sich bis knapp unter 2000 MüM. an die Alpen geklammert. Gerade auf den Nordflanken wird es für Bergläufer besonders gefährlich. Ich glaube nicht, dass der Schnee bis in 8 Tagen schmelzen wird.

Die ersten Anzeichen davon durfte ich anlässlich des Sardona Ultratrail erfahren. Aufgrund von schwierigen Begebenheiten wurde der Lauf in einer ersten Phase von 86k auf 80k verkürzt. Am Tag vor dem Start wurde er aufgrund von Schnee in hohen Lagen nochmals weiter aus 70k/5000hm reduziert. Wie mit dem Frust umgehen? Ich habe mich für Gas geben entschieden und den Lauf in für meine Verhältnisse in sagenhaften 11h32 auf dem 24 Rang (Männer) und 27 Rang (over all) beendet. yssssssss……….

Beruflich weht mir gegenwärtig ein rauer Sturmwind ins Gesicht. Viele Projekte auf herausfordernden Landparzellen mit grossen Anforderungen an Funktionalität, Luxus (meine Sicht) und strengstem Kostenrahmen und hohem Termindruck fordern mir gegenwärtig vieles ab.

Prioritäten setzten, die richtige Entscheidung fällen, mit Kritik umgehen, unter veränderten Bedingungen weiter machen. Wie macht man das richtig? Welche Entscheidung ist die richtige? Welche Kritik ist wohlwollend gemeint, welche eine Form von Hilflosigkeit? Wie macht man weiter wenn sich die Bedingungen ändern. Wo sind Menschen die bereit sind einem zu helfen?

Viele Fragen und wenige unbeholfene Antworten tauchen unerwartet auf bei diesem Abenteuer (Project fifty) welches ich mir zu meinem 50en Lebensjahr schenke.

Klar ist mir eines: weiter schwimmen, die allgemeine Richtung halten.

Bild aus SPINERACE Januar 2012

Zu meinem Bergabenteuer fallen mir Alternativen ein. Ich könnte, wenn in eineinhalb Wochen noch Schnee liegt den Jura Höheweg von Nyon bis nach Aarau laufen. Das sind rund 280k und 14’000hm. Das Ganze wäre mit der Pflichtausrüstung zum Spinerace, welchen ich ab dem 12. Januar 2013 in Großbritannien laufen werde, zu laufen. Dabei würde ich die Ausrüstung ausgiebig testen, den Bivaksack nutzen und den Umgang mit dem GPS einüben usw. usw.  Tönt doch gut. Es ist jedoch nicht das gleiche wie in den Hochalpen rum zu rennen. 🙁

 

Ticino Trail

Beruflich steht das Übernehmen von Verantwortung auf einem mir bis anhin noch unbekannten Niveau an. Das wird eine besonders grosse Hürde. Ich weiss nicht wie dies zu tun ist und wo ich mir dafür kompetente Unterstützung holen kann.
Unter Kompetenz verstehe ich die Fähigkeit, einerseits in das was ich sage, lebe und ausdrücke emotional eingebunden zu bleiben ohne abhängig davon zu sein, eine Aufgabe entschieden und leidenschaftlich anzugehen ohne mich von ihr führen zu lassen. Handlungen und Entscheide in Verbindung mit meine Emotionen zu treffen ohne dabei meine eigene Lebensvision aus den Augen zu verlieren, sowie die Bereitschaft alles (im Aussen) zu verlieren, wenn ich für meine Wahrheit einstehe.

Ufffffff. ganz schön viel und hohe Ansprüche an mich selbst ……

Gut, das spannende daran ist dass ich mich dafür entschieden habe, dass ich das so will. In mir ist eine scheue Stimme die laut ruft: „Das habe ich so nicht gemeint!“

Mir ist, als würden die Aufgaben immer grösser, immer fordernder, immer komplexer. Das freut mich auf der einen Seite, auf der anderen Seite fühle ich die Angst zu versagen. Die Aufgaben nicht zur Zufriedenheit aller Beteiligten erfüllen zu können.

Es fühlt sich an wie damals, als ich als junger Mann mit 25 Jahren mit dem Vizeweltmeistertitel im Fallschirmspringen nach Hause kam. Es lagen drei Jahre Vorbereitung mit jährlich ca. 12 bis 14 Wochen Sprungtraining, einem 100% Job als Projektleiter sowie jede Woche mehrmaliges Kraft und Konditionstraining hinter mir.  Dabei stellten fast alle „Gratulanten“, vor allem auch mir sehr, sehr nahe stehende Personen als erstes folgende Frage: „Warum nicht Erster?“ Der Schmerz für seinen Einsatz, für das Erreichte nicht gewürdigt zu werden schmerzt nicht so sehr, denn ich habe das vor allem für mich gemacht, wie die Frage, warum das Vollkommene nicht erreicht wurde: „Der erste Rang!“ Einen Rang, den die Fragenden selber noch nie erreicht haben, geschweige denn wissen was es bedeutet sich dem auszusetzen.

Dieser Kontext schmerzt, und lässt mich die letzten Tage meine Einsamkeit, mein Alleine sein wieder in einer neuen Qualität fühlen. Gut dass ich einige mir nahe stehende Menschen kenne die das nicht so sehen. Auch auf dem Facebook Portal äussern sich Menschen, auch solche die ich noch nie persönlich gesehen habe auf eine sehr menschliche, mich berührende Art.

 

Am Start zum Sardona

Der Prozess geht weiter. Bis bald auf Level VI……….


Schreiben Sie einen Kommentar