Rheinburgenweglauf 110km 4843 HM oder warum tue ich das was ich hier tue…..

Mein Wegweiser

 

Etwa bei Kilometer 93 steigt die Frage aus dem nichts meiner Gedankenwelt hoch in mein Bewusstsein, ein einsamer Satz jenseits dessen was mir jetzt gerade wichtig ist. Seit 25 bis 30 Kilometer schmerzen die Fussohlen gerade genug um mich am laufen zu hindern, jedoch zu wenig um mich auf die Idee zu bringen diesen Lauf zu beenden.

Warum tue ich das was ich hier tue? Mit dem Auto 500 km nach Koblenz fahren um diesen Lauf mit anderen Traillaufbegeisterten zu laufen. Ganz einfach: ich liebe das Laufen, ich liebe die Natur, ich bin gerne mit anderen Läufern auf verschlungenen Pfaden unterwegs und ich will wissen wie es ist wenn ich meine Grenzen ausdehne, ausweite und ich heute noch versuche zum dritten Mal über 100 Kilometer zu Fuss in einem Zug zu bewältigen.
Am Start in Koblenz HB 13. März 2011 14h00
Was geschieht mit meinem Geist, mit meinem so Sein wenn ich lange unterwegs bin. Mein System wird müde, mein Schutzsystem beginnt zu bröckeln ich werde verletzbar und verletzlich. Mein Konzentration beschränkt sich auf die nächste Aufgabe, den nächsten Schritt, die nächsten 100 Meter, das wesentliche eben…..

Was interessieren mich im Augenblick die Sorgen der Welt, meine Probleme mit der Menschheit wie sie sich ausdrückt meine ungelebten Träume. Ja, es ist so, im Augenblick ist nur der nächste Schritt von Bedeutung.

Start in Koblenz
Vor 38 Stunden sah alles ganz anders aus. Kurz nach Zwei Uhr fahre ich in Solothurn los. Bingen am Hundsrück in der Nähe von Mainz ist mein Ziel. Hier verbringe ich in einem gemütliche Hotel die Nacht. Zuvor jedoch, bin ich bei Steffen und Melanie Kohler zum Carboloading eingeladen. Sie  beide kenne ich aus Facebook. Es sind zwei leidenschaftliche Läufer, bekannt als die „Runningfreaks“. Die Zeit vergeht schnell, bald ist Morgen, ein kurzer Rundgang in Bingen. Am TV wird nonstop über das Erdbeben in Japan, dem Zunami und dem Supergau in zwei Atomkraftwerken gesprochen. Ich fühle Schmerz und Trauer für die Betroffenen, das Entsetzten und dem Ausgeliefert sein. Wut, grosse Wut fühle ich über die verlogene Politik die die Kraftwerke immer noch als sicher verkaufen wollen. Wut auch über die Menschen die aus Angst für Atomkraftwerke abstimmen und staunen dass sie nun getroffen sind. Wut darüber, dass irgendwelche Machtbesessenen Menschen ein ganzes Volk von Schafen in den Tod treiben können.
Ein paar Läufer treffen sich in Bingen und fahren gemeinsam nach Koblenz zum Startpunkt des Rheinburgenweglauf. Tom Eller und Achim haben den Lauf organisiert. 19 Personen nehmen daran teil. Um 14 Uhr starten wir. Spätestens nach in paar Kilometern sind alle in Gespräche verwickelt, vieles ist zu erzählen. Laufgeschichten Laufziele, Spass und Laufen.
Im steten Auf und Ab gehts Rheinaufwärts gegen Süden. Auf Forststrassen,  Forstwegen, und Singletrails. Schwierige, aussetzte Passagen wechseln sich ab mit Dorfdurchquerungen um sofort wieder auf steilen Aufstiegen die Hügel entlang des Rheins zu besteigen.
19 Traillaufbegeisterte
Nach dem ersten Verpflegungsposten ist es finstere Nacht. Im Lichte unserer Stirnleuchten suchen wir den Weg. Irgend wann bin ich alleine unterwegs. Die schnellen Läufer habe ich aus den Augen verloren. Hinter mir ist niemand mehr sichtbar. Ich fühle die Müdigkeit. Die Orientierung ist nicht mehr einfach. Enge Treppen ohne Geländer, in Felsen eingelassene Metallbügel und mit Drahtseilen gesicherte Wege erfordern höchste Konzentration. Ich bin da wo ich gerne bin, auf Wegen die mich fordern.
Einsame 30 Km in der Nacht

Hier begegne ich meinen Ängsten, meiner Unsicherheit. Bin ich richtig? Habe ich mich verlaufen? Finde ich den Weg? Ich erschrecke ab dem Schatten meiner Rucksackriemen am Boden. Das Schnauben einer Rotte Wildschweine durchzieht das schwarze der Nacht. Irgendwo im Hügel hinter mir leuchten die Lampen meiner Mitläufer…….

Aus dem Tal erklingt des eiserne quietschen der Güterzüge.

 

In der Ferne erstrahlt eine Burg im Licht ihrer Beleuchtung, tiefschwarz zieht der Rhein durch das Tal. Wieder steige ich durch einen Weinberg auf engen Stufen hinunter in ein wunderschönes Städtchen. Gegenüber wieder hinauf, wo ich die Signalisation aus den Augen verliere und so gut einen Kilometer auf dem „falschen“ Weg mich bewege. Prompt verpasse ich vor lauter Ärger den 2. Verpflegungsposten in der Burg. Nach einem Telefon mit Tom warte ich einen Kilometer nach dem Posten auf die ersten Läufer, welche mir  liebenswürdigerweise etwas zu trinken, Salzstengen, Energiegel und Bananen bringen.

 

Burg bei Nacht

 

Steten Schrittes, manchmal laufend, bergauf gehend ziehen die Kilometer dahin. Meine Gedanken sind wie fliegende Fetzen, sie bleiben nirgends haften, der Raum in welchem sie aufsteigen bietet keinen Halt. Es gibt kein Müssen, keinen Druck und kein Ziehen. Das Leben durchzieht mich wie eine liebende zarte Energie. Jeder Schritt ist eine immer wieder neue persönliche Begegnung mit der Erde, meiner gegenwärtigen Heimat.

 

Den Verpflegungsposten 3 darf ich nicht verpassen da mein Trinkbeutel ziemlich leer ist. Nur wo ist der Posten? Jedenfalls nicht da wo er auf der Karte eingetragen ist…. Scheisse…. Ich setze mich auf einen Stein und warte auf die nachfolgenden Läufer. Aus tiefer Nacht taucht jemand auf und sagt mir, dass sich der Posten 500 Meter in der anderen Richtung befindet.

Jom und ich
Hier treffe ich auf Tom, Thorsten, Jom, Susanne und und und…. Das Verpflegungsangebot ist umwerfend. Brote, Gummibärchen, Energieriegel Suppe, alles was das Läuferherz begehrt liegt auf einem wunderschön gedeckten Tisch bereit. Den Helfer, ein riesiges Dankeschön an diese Engel die bereit sind für ein paar Verrückte die Verpflegung sicher zu stellen.
Ab hier sind Jom, und Thorsten und ich gemeinsam unterwegs. Für mich sehr angenehm. Ich muss nicht reden, dennoch ist jemand da, hilft bei der Orientierung, Gespräche sind möglich, kein Müssen.  Berührend für mich ist, dass obwohl Thorsten und Jom schneller als ich unterwegs sind, sie auf mich warten und bis ins Ziel mit mir gehen.
100 km sind gelaufen

Wir sind die Letzten die in Bingen ankommen. Dennoch werden wir empfangen und zur Sporthalle begleitet, wo wir in aller Ruhe duschen können.

Den Abend und die Nacht verbringe ich wiederum bei Steffen und Melanie. Lange spanndend Gespräche lassen die Zeit verfliegen. Zwei sehr leibenswerte Menschen durfte ich kennen lernen. Facebook sei Dank. Die geplante Fahrt nach Hause wäre für mich wohl nicht unfallfrei verlaufen.
Gerne bedanke ich mich herzlich bei allen die zu diesem Lauf beigetragen habe. Die super Organisation, die sensationelle Verpflegung, Tom für deine Leidenschaft, Steffen und Melanie für die herzliche Einladung, die spannenden Gespräche, Thorsten und Jom für die Begleitung auf den letztn Kilometern und einen herzlichen Dank geht zu meiner Liebsten die mich mit unten stehendem Cake empfangen hat.

 

Was gibts noch zu erzählen: meine Gedanken schweifen immer wieder durch den neuen Raum der sich in mir geöffnet hat. Dieser kann nicht beschrieben werden, nur erlaufen.

Darauf bin ich stolz. Beim dritten Versuch, geschafft!

7 Comments

  • Guido

    4. April 2011

    Hallo Gerd
    Vielleicht kommst du mal an die jura traildays mit niels. da ist viel zeit und ruhe zum reden, spass zu haben und den jura zu erlaufen. es würde mich freuen wenn du kommen könntest.
    ich selbst muss ehrlich sagen dass ich mich z.b. für davos nur deswegen angemeldet habe weil der prospekt so schön war und dort folgende worte geschrieben waren: "crazy peak experience". das hat mich gapackt.
    Bei Verbier warens die schönen Videos und die website und die lust "es" zu riskieren. Ich kann ja "nur" scheitern. Was solls die Vorbereitung, die schönen Sonnenaufgänge, die Zweifel, die Freuden während den Vorbereitungsläufen machen den Lauf selbst "nur" zur Sahne über der Glace. Die Glace selbst ist das wesentliche.
    Ich bin überzeugt dass vieles geht wenn wir etwas riskieren, riskieren es nicht zu können.
    ich sehe eindeutig nicht aus wie ein ultraläufer. ich laufe und gehe einfach gerne lange strecken in den bergen.

    Ich freu mich darauf uns physisch kennen zu lernen.
    LG Guido

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  • Gerd

    4. April 2011

    Ein herrlicher Beitrag Guido. Leider reicht es bei mir noch nicht solch ein Erlebnis mitzuerleben.
    Aber ich bin mir sicher, irgendwann bin ich auch dabei.
    Vielleicht schaffen wir es ja mal und gemeinsam zu verlaufen. 😉

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  • Guido

    1. April 2011

    Herzlichen Dank für die Zeilen. Es freut mich zu lesen dass meine Zeilen ankommen.
    Nach wie vor zehre ich von den tiefgeifenden Erfahrungen aus dem Lauf.
    Bis bald
    Guido

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  • Bodhi Soulrunner

    1. April 2011

    Echt ein toller Bericht Guido.
    Hat Spaß gemacht zu lesen. Der Kuchen ist ja mal Hammer 😉

    LG
    Marco

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  • wecycling

    27. März 2011

    Lieber Guido

    Ein Superbericht! Merci! Und eine Superleistung, was du (und die anderen Läufer) da absolviert hast. Gratuliere!
    Ich selbst habe erst einmal einen 100km Lauf bestritten (Biel) und weiss aus dieser Erfahrung, wie schwierig es ist, Glück und Schmerz als Einheit erlebt, zu beschreiben.
    Keep in motion.
    Hug you. Mich

    Reply
  • Guido

    21. März 2011

    Leber Steffen

    Peinlich, peinlich. Bitte verzeih mein Namensirrtum, und danke für die Bemerkung. Du und Melanie seit inmeinem Herzen.

    Dein Blog hat mich sehr zum Schreiben angeregt. Er hat mich auch zum erstellen des Blogs selbst moiviert.

    Ja, was Läufer auf langen Wegen erleben kann nur schwierig beschrieben werden.

    Libe Grüss und auf baldiges Wiedersehen. Ich freu mich drauf
    Guido

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  • Steffen

    21. März 2011

    Lieber Guido,
    ein großartiger Bericht, der mich erneut über den Rheinburgenweg schreiten lässt, wunderbar beschrieben, danke! Man merkt doch, dass du ein paar Tage mehr als ich hattest, um dich mit diesem Lauf vernünftig auseinander setzten zu können. Vielleicht kamen meine Ausführungen etwas zu früh, noch immer müde von den Strapazen, das Erlebte noch nicht ganz verarbeitet.
    Aber kann man einen solchen Lauf überhaupt abschließend verarbeiten…? Ich denke nein, zu viele Erlebnisse klammern sich daran, zu viele Gefühle und Empfindungen.
    Ein grandioser Lauf, ein tolles Erlebnis mit wunderbaren Menschen, so wie du einer bist.
    Es hat uns sehr gefreut, dich endlich einmal persönlich kennengelernt zu haben, danke Guido, du bist großartig.

    Ich schicke dir ganz herzliche Grüße in die wunderbare Schweiz,
    Steffen

    P.S. Dir Runningfreaks heißen Melanie und Steffen 😉

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